Selbstbildnis von Edmund Kalb 1937. - © vorarlberg museum, R. Fessler
Selbstbildnis von Edmund Kalb 1937. - © vorarlberg museum, R. Fessler

Immer wieder einmal tauchten wenige eigenwillige Selbstbildnisse des Vorarlberger Künstlers Edmund Kalb (1900-1952) neben Oskar Kokoschka oder den manischen Selbstbespiegelungen Richard Gerstls auf, jedoch nie waren 125 grafische Werke des Künstlers mit einem Film und Archivmaterial versammelt wie jetzt im Grafischen Kabinett-Saal im Leopold Museum. Der einzelgängerische Querdenker studierte in München an der Akademie und erlebte als Sohn einer Schneiderin sowie eines Schilder- und Wappenmalers, einige wenige halbwegs unbeschwerte Jahre, erlernte das Radieren und blieb durch ein Stipendium bis 1930.

Nahezu die Hälfte seines Werks dürfte durch die unerfahrenen Erben verloren sein, ein einziger fast lebensgroßer Akt hatte sich am Dachboden erhalten und trotzdem der Künstler seine Werke akribisch archivierte und fotografierte, sind auch viele Texte als vernichtet zu betrachten. Seine Korrespondenz mit Künstlern bis Japan in Esperanto bildeten eine Anregungsquelle, die auch lange verborgen blieb wie seine Erfindungsgabe in technischen Geräten wie jenen für die Landwirtschaft. In einem Dorf oberhalb Dornbirns zog Kalb Pflanzen und porträtierte Kinder und Frauen, an deren Gleichberechtigung er glaubte. Dies war nicht der einzige Grund, warum der Technikfreak, der bei der Luftwaffe dienen musste, mit den Nationalsozialisten und später den Behörden nach 1945 derart in Konflikt geriet, dass er viele Jahre in verschärfter Kerkerhaft erleiden musste und letztlich an den Folgen jung verstarb.

Selbstbildnis von 1930.
Selbstbildnis von 1930.

Sein Hauptanliegen war das Selbstbildnis und dabei die Tatsache, ohne expressive Mimik, Gesten oder Haltungen das Denken, den Geist durch Energielinien sichtbar zu machen. Während Edvard Munch oder Kokoschka nur die Aura um die Körper als Wellen festhielten, hat er Symbole und Objekte aus der Wellentheorie, Strahlenkunde und Atomkraft, auch astronomische Phänomene wie Planetenbahnen genommen und sie abstrahierend über den Kopf gezeichnet, wobei er die Gesichter nahe heranrückte. Ein Gerichts-Psychiater erklärte ihn aus Unverständnis dafür 1948 für verrückt, auch weil Kalb sich weigerte, nach dem Tod seiner Eltern Flüchtlinge in Haus und Wohnung auszunehmen. Vor der Einberufung hatte Kalb bis 1938 völlig abstrakte Zeichnungen und gestische Malerei an die Versuche eingezeichneter Denkvorgänge angeschlossen, war auch damit seiner Zeit weit voraus.

Spannende Parallelen zu den russischen Konstruktivisten, Naum Gabo und zum Meditationszyklus von Köpfen Alexej Jawlenskys haben Kuratoren und Katalogautoren in ihrer Aufarbeitung berücksichtigt. Zudem zeigt ein Film von 2002 mit vielen Interviews namhafter Kunsthistoriker ein "Erwachen aus dem Schicksal" als Hommage an einen widerständigen Einzelgänger, bei dem es viel zu entdecken gibt, was zwischen Gerstl und den Informellen bereits Richtung Abstraktion und auch Postmoderne nach 1945 wies.