August Wallas Bearbeitung eines Plastiknetzes. - © Art Brut KG
August Wallas Bearbeitung eines Plastiknetzes. - © Art Brut KG

Neben der neuen Daueraufstellung "gehirngefühl.!" bis 2021 ist im Museum Gugging über den Sommer ein Teilaspekt aus dem Werk des 2001 verstorbenen Starkünstlers August Walla zu sehen: seine bestickten und genähten Textilien, seine Fotografien und die vielen Graffitiarbeiten auf Hauswänden, Leinwand, Tafeln, Papier und Möbelstücken. Auch seine Texte geben Einblick in einen Kosmos voller Privatmythologien, die sich aus der Verlustangst nach dem Tod seiner Großmutter Rosina entfaltete. Denn der 1942 sechsjährige August wollte danach den Tod mittels eigener Götterwelt überwinden. Darin spielen sogar ein gewisser Adolfe, der Teufel und auch später Stalin eine große Rolle. Die Symbole des Nationalsozialismus und Kommunismus, Hakenkreuz sowie Hammer und Sichel, wandelte Walla um in das Zeichen für ein kleines "Nazimädchen", mit dem er sich genauso identifizierte wie mit einem "Kommunistendoppelknaben".

Die Euthanasie überlebt

Seine Transgenderexistenz als Halbteufelgott kam wohl auch durch das Staunen der Erwachsenen zustande, denn es war ein Wunder, dass der in die Jugendfürsorgeanstalt "Am Spiegelgrund" auf der Baumgartner Höhe eingelieferte Walla die Euthanasie der Nationalsozialisten überlebte. Durch einen bestandenen Intelligenztest und seine zeichnerische Begabung entging er der Vernichtung, deren Gefahr ihm offenbar bewusst war, da er in den Typoskripten von "Adolfegaskammer" spricht.

Daneben ist eine weitere Lebensweisheit des "Verhaltensauffälligen" zu erfahren, nämlich dass der gefürchtete "Russengott als feindloser Russenfreund.!" daherkam. Walla lernte die kyrillischen Buchstaben, bestand aber bis 1951 nur Volks- und Sonderschule. Er lebte neben sechs Aufenthalten in Gugging, wo 1970 Psychiater Leo Navratil sein großes künstlerisches Talent entdeckte, mit seiner Mutter Aloisia in einer von ihm vollgemalten Wohnung und einem Schrebergarten an der Donau. Bei den Wanderungen zu Fuß hinauf nach Gugging verzierte er Wände, Bäume und auch den Asphalt auf der Straße mit seinen Bildern, Schriften und Symbolen.

Die Fotografien sind zum Teil von ihm in seinen Interieurs, in der Aulandschaft oder in den Wäldern aufgenommen. Er dokumentierte seine Schriftzüge an Zimmer- und Außenwänden, Möbeln, Bäumen oder Ofenschirmen. Teilweise sind es aktionistische "Selfies" mit Kunstobjekten, bei denen seine Mutter Aloisia als Mitarbeiterin den Auslöser betätigte.

1983 zog er mit ihr, als sie die Versorgung aus Altersgründen nicht mehr schaffte, ins "Haus der Künstler", später kam sie in die Geriatrie nebenan. Er bemalte auch dort sein ganzes Zimmer, Decke inbegriffen, an der Fassade prangt bis heute das "Teufel.Gott.!"-Selbstbildnis und neben dem Museum steht sein Keramikfries "Paradies".

Wachsende Berühmtheit

Walla konnte seine wachsende Berühmtheit genießen, er arbeitete für André Hellers "Luna Luna" mit Georg Baselitz, Salvador Dali, Jean-Michel Basquiat und Keith Haring, 1990 bekam er mit seinen Kollegen Johann Hauser und Oswald Tschirtner den Oskar-Kokoschka-Preis zuerkannt, und er konnte Reisen zu internationalen Ausstellungen unternehmen.

Im Katalog "gehirngefühl.!" lässt sich ein Teil seines Privatuniversums nachlesen, spannend ist die Entdeckung einer Mischung aus christlichem, jüdischem und islamischem Gott, über die er den "Ewigkeitsendegott Satttus" stellt, auf den Walla offenbar seit seiner Kindheit setzte, auch wenn er ihm die beiden Hauptbezugspersonen Großmutter und Mutter, die mit der heiligen Maria verschmelzen, nicht mehr wiederbrachte. Er bezeichnete seine Geheimsprache, von der alle Werke überzogen sind, als "Weltallendefremdsprache" und zeigte sich, trotz besitzergreifenden Markierens, erstaunlich aufgeschlossen gegenüber neuen Eindrücken durch Menschen, Bücher und Anregungen seiner Ärzte. Nach dem Tod seiner Mutter 1993 endete die mythologische Götterwelt schlagartig, und Walla kümmerte sich bis zu seinem Tod acht Jahre später nur noch um Alltagsdinge wie Essen.