Die Grenzen des Appetits

Eine Gesellschaft tut wohl gut daran, sich nicht nur darauf einzulassen, was in den Körper gelangt, sondern auch auf das, was später wieder rauskommt. Japan hat dieser lockere Umgang nicht nur Schlüsselanhänger, Kuscheltiere und Schmuck in Misthaufenform beschert, sondern auch echte technologische Innovationen. Nirgendwo werden so hochwertige Toiletten gebaut, mit denen der Gang aufs Klo, begleitet von Meeresrauschen und abgeschlossen mit Duschen und Föhnen an allen Körperöffnungen, zum Erlebnis wird.

In Europa will und kann es sich kaum jemand vorstellen, dass ein Stuhlgang irgendwie in einem angenehmen Rahmen geschehen könnte. Dabei ist das Wichtigste an den japanischen Toiletten nicht der Komfort. Neben all den Spielereien ist ihr Hygieneniveau deutlich höher als bei westlichen Toiletten. Das ist einer von mehreren Gründen, warum Japan heute die höchste Lebenserwartung der Welt hat.

Wo ohne große Scham eklige Wörter in den Mund genommen werden können, werden auch mal die Grenzen des Appetits ausgetestet. In Tokios hippem Bezirk Shibuya öffnete vor einigen Jahren der Curry-Shop Shimizu, der mit "beschissenem" Reiscurry warb. In einer kloschüsselförmigen Schale breitete sich da auf dem Reis eine braune Masse aus, die nicht nur nach Exkrementen aussehen, sondern auch so schmecken sollte. Der Gründer und Koch, Ken Shimizu, meinte zu wissen, wovon er sprach. In seiner vorigen Karriere als Pornodarsteller hatte er nämlich einige Male Fäkalien essen müssen. Mit Gewürzen und Aromen wurde der ihm bekannte Geschmack dann repliziert.

Eine Goldgrube wurde daraus nicht. Das Shimizu machte bald dicht. Doch einige Kilometer nördlich, im Tokioter Bezirk Arakawa, hat sich seither das Restaurant Deko Suke einen Namen gemacht, weil dort das Gericht "Mama no unchi" auf der Speisekarte steht, also "Mamas Scheiße." Hier ist es nur das Auge, das sich beim Mahl an Exkremente erinnert.

Schulbuchreihe mit Misthaufen

Konsumenten huscht schnell mal ein Lächeln über die Lippen, wenn sie an unerwarteter Stelle mit Fäkalien konfrontiert werden. Und so ein Lächeln kann bei vielem helfen. Auch im Bildungswesen. Eines der typischen Schulfächer, das Kinder hassen, war bis vor Kurzem das Lernen der Schriftzeichen, die Japan vor mehr als tausend Jahren aus China importierte.

So wollte der Verlag Bunkyosha im Frühjahr 2017 aus einem spröden Thema eines machen, das begeistert und dachte dabei an: Scheiße. Heraus kam eine Schulbuchreihe, deren die Schriftzeichen erklärender Protagonist ein mit Zeigestock und Brille ausgerüsteter Misthaufen ist. Weil das Buch Kindern großen Spaß bringt, ist es in vielen Läden schon vergriffen.