Alarmstufe: Rot -

Der Schweiß zeigt da sein wahres Gesicht: "Sweat" (2016) von Reiner Riedler. - © Bildrecht Wien, 2019
Der Schweiß zeigt da sein wahres Gesicht: "Sweat" (2016) von Reiner Riedler. - © Bildrecht Wien, 2019

nein, schon Neonrot!

(cai) Hier gibt’s was gratis. In der Galerie Emanuel Layr. Okay, bloß einen Aufkleber, doch immerhin. Den könnte man sich zum Beispiel aufs Auto picken. Quadratisch ist er, eine Diagonale teilt ihn in eine gelbe und eine rote Hälfte und "M_O_B" steht drauf (der Ausstellungstitel). Und wofür ist das die Abkürzung? Für "Man on Board" (wenn das "Baby on Board" endlich erwachsen geworden ist)? Im Gegenteil. So gelb-rot ist nämlich die Flagge, die in der Schifffahrt "Man over Board" signalisiert. Und zugleich den Buchstaben O.

He, der Nachname des Künstlers beginnt auch mit einem O: Oberthaler. Vorname: Nick. Und ein Maler kommuniziert mit dem Betrachter ja ebenfalls visuell. Und der da tut das eben in einer klaren, reduzierten Bildsprache, die sich an diese Signalflaggen anlehnt. (Die aufgehängten Bilder sind aber natürlich nicht zur freien Entnahme.) Und was ist jetzt der Unterschied zwischen einer Flagge und abstrakter Kunst? Beides ist doch gleich bunt. Na ja, bei Ersterer darf der Hersteller nicht kreativ sein, bei Letzterer soll er es. Immer zieht Oberthaler mit der Diagonale eine scharfe Grenze. Teile und herrsche (über die Leinwand)! Macht die Signalfarben dann noch unübersehbarer, kreischender. Neben einem leisen Silbergrau, da rufen die förmlich. SOS. Sogar Zeitungspapier errötet (Alarmstufe: Neonrot), als es die "Generation Abwärts" verkündet und den sozialen Abstieg wieder mit einer Diagonale illustriert, mit einer, die Stufen hat, einer Stiege. Anderswo tauchen Google-Maps-Marker auf.

Orientierungssuche, Zukunftsängste - erstaunlich realistische Probleme, die diese abstrakten Bilder insgeheim haben. Apropos insgeheim: Mir wär’s nicht aufgefallen, aber ein Fenster fehlt. Dafür hat die Galerie plötzlich mehr Wand. Da ist offenbar jemand ein Meister des subtilen Versteckens.

Galerie Emanuel Layr

(Seilerstätte 2)

Nick Oberthaler, bis 7. September

Mi. - Fr.: 12 - 18, Sa.: 11 - 15 Uhr

Nur Schwitzen

ist das Wahre

(cai) Das Öl wird uns irgendwann ausgehen, aber diese Ressource, die wird sogar immer reichlicher fließen (dank der Erderwärmung): der Schweiß. Leider kann man den nicht als alternative Energiequelle nutzen. Noch nicht. Viele finden ihn außerdem eklig und stopfen die Poren unter ihren Achseln panisch mit einem Antitranspirant zu, als wären das lauter kleine Büchsen der Pandora. Einer hat jetzt allerdings den künstlerischen Wert dieses Sekrets erkannt. Oder wiederentdeckt. Weil da war doch einmal was mit einer Veronika und einem Schweißtuch, in das sich das Porträt Christi wundersam eingeprägt haben soll.

Auf ein Wunder hat der Reiner Riedler natürlich nicht gewartet. Sondern sich lieber ans Fraunhofer Institut gewandt, das für ihn seither Stoffe so speziell einfärbt, dass die bei Kontakt mit Schweiß die Farbe wechseln. Dort legt er nun seine Freiwilligen drauf. Auch vor Publikum. Eine eher kontemplative Schwitzperformance. Wobei der Schweiß quasi als Entwicklersubstanz fungiert. Diese "Negative" werden abfotografiert ("ich sag reproduzieren dazu"), die Farben meist in Grauwerte umgewandelt. He, und wie bringt er die Leute unabhängig von Hitzewellen zum Schwitzen? Na ja, er nimmt sie in den Schwitzkasten, Tschuldigung: Er setzt sie hinein. In seine mobile Sauna. Und wenn einer gschamig ist? "Dann gibt’s nur ein Porträt." (Lacht.) In seinem neuen Fotoband "Sweat" wird das, was er macht, übrigens "Hidrografie" genannt (hidrós: Schweiß auf Griechisch).

Und wie ist er überhaupt auf diese Idee gekommen? Beim Laufen. Da hat ihn sein verschwitztes Leiberl ans Turiner Grabtuch erinnert und er sich gedacht: "Wäre super, wenn ich das von mir auch machen könnte." Die geisterhaften Erscheinungen und unheimlichen Fratzen im Bildraum 01 haben ja tatsächlich eine gewisse Ähnlichkeit damit. Und mit Fotogrammen, bloß dass hier nix auf einem lichtempfindlichen Material platziert wird, sondern auf einem schweißempfindlichen. Zeigen diese eindringlichen, intimen Porträts (im Grunde alles Selfies, immerhin werden sie mit einer sehr persönlichen Ausscheidung erzeugt) vielleicht das wahre Abbild des Menschen im Photoshop-Zeitalter, denn was tut man ehrlicher als schwitzen?

Bildraum 01

(Strauchgasse 2)

Reiner Riedler, bis 26. Juli

Di. - Fr.: 13 - 18 Uhr