Wo immer sie im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts in den Künstlerzirkeln der europäischen Metropolen wie München, Berlin oder Paris auftauchte, war sie stets bald der Mittelpunkt der Szene: die im Auftreten exzentrische und schillernde Künstlerin Lou Albert-Lasard, die nicht nur als hervorragende Malerin und Graphikerin, sondern auch als Muse bedeutender Künstlerkollegen wie Rainer Maria Rilke ihren Platz in der Kulturgeschichte einnimmt.

Im damals zu Deutschland gehörenden lothringischen Metz 1885 als Tochter eines deutschen jüdischen Bankiers und einer amerikanischen Mutter geboren, ging Louise Lazard, so ihr Geburtsname, mit achtzehn Jahren zusammen mit ihrer um ein Jahr älteren Schwester Ilse nach München, um Malerei zu studieren. Da Frauen an den Kunstakademien im beginnenden 20. Jahrhundert noch nicht zugelassen waren, belegte sie Zeichenkurse bei privaten Kunstschulen, unter anderem an der heute noch berühmten von Heinrich Knirr in der Amalienstraße.

In München erlebte sie die Anfänge der Künstlergruppe des "Blauen Reiter", hatte Kontakt zu Wassily Kandinsky, Paul Klee und Franz Marc und pflegte enge Verbindungen mit Alexej von Jawlensky und Marianne von Werefkin, ohne sich jedoch dem "Blauen Reiter" selbst anzuschließen. In der Isar-Metropole heiratete Louise 1909, gegen den Willen ihrer Eltern, den 26 Jahre älteren Augsburger Chemiker und Erfinder Eugen Albert, mit dem sie 1911 Tochter Ingo bekam.

In der Münchner Zeit, in der sie mit ersten Ausstellungen in der renommierten Galerie Tannhauser oder in der Secession Aufmerksamkeit erregte, begann sie auch ihre rege Reisetätigkeit, meist zwischen den Kunstmetropolen Berlin, Wien und Paris oder auch in die Künstlerkolonie auf dem Monte Verità im Tessin - Orte, an denen sie sogleich in die jeweiligen Kunstszenen eintauchte.

Wichtig und ihr ganzes weiteres Leben prägend wurde für sie die Begegnung mit dem Dichter Rainer Maria Rilke, den sie zu Beginn des Ersten Weltkriegs kennenlernte und mit dem sie - die Ehe mit Eugen Albert bestand nur noch auf dem Papier - bald eine heftige Liebesaffäre durchlebte. Während dieser Zeit, in der sie mit Rilke bis 1916 in Wien und München zusammenlebte, wurde aus Lou Albert die Malerin Lou Albert-Lasard.

In ihren 1952 in Buchform erschienenen Erinnerungen, "Wege mit Rilke", ließ sie fast vier Jahrzehnte später diese entscheidende Zeit mit dem Dichter, dessen Freundeskreis um Romain Rolland, Stefan Zweig, Paul Klee und Oskar Kokoschka auch der ihre geworden war, noch einmal Revue passieren. Am Ende ihrer Liaison, im Juni 1916, besuchte sie Rilke noch einmal in Rodaun, wo im Gartenpavillon des Anwesens Hugo von Hofmannsthals ihr berühmtes Porträt des Dichters entstand, in welchem sie die damalige Seelenlage des Porträtierten eindrucksvoll einfing.