Antonio Banderas

Selbst so derangiert schaut die Schönheit bei Harding Meyer noch verdammt gut aus. - © Galerie Frey
Selbst so derangiert schaut die Schönheit bei Harding Meyer noch verdammt gut aus. - © Galerie Frey

verzweifelt gesucht

(cai) Am Anfang war die Tür. Nicht das Wort? Aber das ist doch eh dasselbe. Auf einer Wand in der Galerie nächst St. Stephan steht jedenfalls: "Türen sind Worte. Worte sind Türen. Manches Mal fallen Türen in Sätze . . ."

Eine Ausstellung beginnt ja quasi wirklich mit einer Tür. Mit der der Galerie. Der Heinrich Dunst hat darüber hinaus auch noch seine eigenen Türen mitgebracht. Und seine komplexe Schau fängt eigentlich schon vor dem Eingang an. Unten auf der Straße. Im Schaufenster. Mit einem Rätsel. Die offene Tür zu einem Geheimkammerl, eine Topfpflanze, der Nachname des Künstlers, ein Pfeil nach oben. Aha, die Ausstellung ist also oben. Allerdings reicht es nicht, in den zweiten Stock raufzugehen. Man muss noch viel höher hinauf. Auf eine Metaebene. Und dort kommt nur mehr der Verstand hin. (Wenn überhaupt.)

Versprochen wird einem ja "A. B. a. P. / Antonio Banderas as Picasso", begrüßt wird man ganz oben freilich von einem anderen Film: von Peter Kubelkas radikalem Experiment "Arnulf Rainer" (1960). Von einem Filmstreifen mit nix als schwarzen und weißen Kadern. Und dann überall Verweise, Bezüge. Zwischen Sprache und Objekt, Original und Double, der Kunst und den "realen" Dingen. Und lauter Identitätsprobleme.

Türen werden zu Tafelbildern mit Türschnalle, zu Bildträgern, zu weißen Filmkadern. "Je ne suis pas . . .", das muss jeder selber ergänzen. Ich bin nicht - Antonio Banderas? Und der ist ja ebenfalls nicht Picasso. Er spielt ihn bloß. (In der National-Geographic-Serie "Genius".) Statt A. B. a. P. kriegt man am Ende H. D. a. M.: Heinrich Dunst als Model. Für Hüte. Seine klare Formensprache macht das Verwirrspiel nicht durchschaubarer, doch ästhetisch dafür sehr ansprechend. (He, ist das jetzt Kunst oder stellt sie sich lediglich selbst dar?)

Galerie nächst St. Stephan

(Grünangergasse 1)

Heinrich Dunst, bis 31. August

Di. - Fr.: 11 - 18, Sa.: 11 - 16 Uhr

Sogar hässlich

wäre sie noch schön

(cai) Betrachter sind notgedrungen Voyeure. Schließlich darf man die Kunst meistens nicht angreifen. Und Gemälde sind sowieso bloß zum Anschauen. Was sollte man mit denen denn sonst tun? (Na ja, solange sie noch halbwegs frisch und wenn sie in Öl gemalt sind, könnte man an ihnen schnuppern, bis man von den Terpentindämpfen high wird.) Doch was, wenn die Bilder plötzlich zurückstarren? Und die müssen noch dazu nie blinzeln. Okay, eines hat die Augen eh zu. Die Lider machen freilich einen so lebendigen Eindruck, ich würde denen locker zutrauen, dass sie irgendwann hochschnellen. (Die Nasenlöcher bewegen sich übrigens nirgends. Beschnüffelt wird man wenigstens nicht.)

In der Galerie Frey wird man also definitiv nicht heimlich beobachtet. Betonung auf "heimlich". Dazu sind diese Blicke zu intensiv, die einem aus all den ikonisch schönen, strengen Gesichtern zugeworfen werden. Und die Malerei ist bekanntlich weiblich: Malerei, die. Im Portugiesischen ebenfalls: pintura, a. Nicht, dass Harding Meyer, ein gebürtiger Brasilianer, ausschließlich Frauen porträtieren würde. (Nur fast.) Außerdem ist er ja selber ein Mann. Dass die Dargestellten (oder Idealisierten?) anonym bleiben, das liegt aber wohl nicht am Datenschutz. Und "Ohne Titel" heißt natürlich nicht, dass sie nicht Magister oder Doktor sein können. Oder Miss Photoshop. Der Maler kennt seine Modelle oft nicht einmal selber. Zumindest nicht persönlich. Aus den Massenmedien halt. Dafür hat er dann beim Malen genug Zeit, sie intimer kennenzulernen, wenn er sie über Monate und in zahlreichen Farbschichten mit dem Pinsel und der Spachtel studiert und mit seinen markanten Werkzeugspuren beseelt, ihre Haut zum Vibrieren bringt. Oder porträtiert er einfach die Schönheit der Malerei?

Zwischendurch muss die Schönheit auch leiden, wird sie misshandelt, verfratzt, ihre Physiognomie wie Make-up verschmiert. Meyer entstellt sie zuerst zwar digital, am Computer, übersetzt das nachher allerdings in eine noch fulminantere Malerei. Sublimiert da jemand seine Gewaltfantasien? Oder ist das wie beim Bildnis des Dorian Gray? Ob diese Deformationen vielleicht zeigen, wie es hinter der perfekten Fassade aussieht? Die gequälte Psyche? Die panische Angst der Gephotoshoppten vor der ungeschminkten Wahrheit?

Galerie Frey

(Gluckgasse 3)

Harding Meyer, bis 6. September

Di. - Fr.: 11 - 18, Sa.: 11 - 14 Uhr