(cai) Betrachter sind notgedrungen Voyeure. Schließlich darf man die Kunst meistens nicht angreifen. Und Gemälde sind sowieso bloß zum Anschauen. Was sollte man mit denen denn sonst tun? (Na ja, solange sie noch halbwegs frisch und wenn sie in Öl gemalt sind, könnte man an ihnen schnuppern, bis man von den Terpentindämpfen high wird.) Doch was, wenn die Bilder plötzlich zurückstarren? Und die müssen noch dazu nie blinzeln. Okay, eines hat die Augen eh zu. Die Lider machen freilich einen so lebendigen Eindruck, ich würde denen locker zutrauen, dass sie irgendwann hochschnellen. (Die Nasenlöcher bewegen sich übrigens nirgends. Beschnüffelt wird man wenigstens nicht.)

In der Galerie Frey wird man also definitiv nicht heimlich beobachtet. Betonung auf "heimlich". Dazu sind diese Blicke zu intensiv, die einem aus all den ikonisch schönen, strengen Gesichtern zugeworfen werden. Und die Malerei ist bekanntlich weiblich: Malerei, die. Im Portugiesischen ebenfalls: pintura, a. Nicht, dass Harding Meyer, ein gebürtiger Brasilianer, ausschließlich Frauen porträtieren würde. (Nur fast.) Außerdem ist er ja selber ein Mann. Dass die Dargestellten (oder Idealisierten?) anonym bleiben, das liegt aber wohl nicht am Datenschutz. Und "Ohne Titel" heißt natürlich nicht, dass sie nicht Magister oder Doktor sein können. Oder Miss Photoshop. Der Maler kennt seine Modelle oft nicht einmal selber. Zumindest nicht persönlich. Aus den Massenmedien halt. Dafür hat er dann beim Malen genug Zeit, sie intimer kennenzulernen, wenn er sie über Monate und in zahlreichen Farbschichten mit dem Pinsel und der Spachtel studiert und mit seinen markanten Werkzeugspuren beseelt, ihre Haut zum Vibrieren bringt. Oder porträtiert er einfach die Schönheit der Malerei?

Zwischendurch muss die Schönheit auch leiden, wird sie misshandelt, verfratzt, ihre Physiognomie wie Make-up verschmiert. Meyer entstellt sie zuerst zwar digital, am Computer, übersetzt das nachher allerdings in eine noch fulminantere Malerei. Sublimiert da jemand seine Gewaltfantasien? Oder ist das wie beim Bildnis des Dorian Gray? Ob diese Deformationen vielleicht zeigen, wie es hinter der perfekten Fassade aussieht? Die gequälte Psyche? Die panische Angst der Gephotoshoppten vor der ungeschminkten Wahrheit?

Galerie Frey

(Gluckgasse 3)

Harding Meyer, bis 6. September

Di. - Fr.: 11 - 18, Sa.: 11 - 14 Uhr