Der "Rumble Fish" ist eine sein Territorium aggressiv verteidigende Art, deshalb muss er im Aquarium isoliert gehalten werden. Im Diorama, mit dem das Künstlerkollektiv Steinbrener/Dempf & Huber den Eingangsbereich des Kunstraums Nestroyhof durch drei Kulissenebenen zur Tempelgasse hin öffnen, treffen die Raubfische aber auch auf andere Arten. Der Kunstraum ist seitlich von außen (besonders nachts) ein erweiterter Bühnenraum. Dabei sind die einander überschneidenden Ebenen zusätzlich historische Zeitrahmen. Im Vordergrund schaut die berühmte Rückenfigur des "Wanderers über dem Nebelmeer" von Caspar David Friedrich als Repoussoirfigur auf eine ausgeschnittene Koralle von Naturforscher und Philosoph Ernst Haeckel: Der romantische Blick wechselt zum nüchtern wissenschaftlichen durch das Mikroskop.

Die kritische Untersuchung von Kunst und Natur durch Künstler und Philosophen ab dem 18. Jahrhundert mit allen brüchigen Utopien setzt sich fort auf der Hintergrundfolie, einer digitalen Fotocollage mit heutiger Dystopie als Gegenstimme. Wir sehen mit dem Wanderer auf den Meeresgrund der Zukunft. Da liegt ein Wrack, U-Boot-Maschinen untersuchen die Korallen- und Fischgründe, zusätzlich dringen Taucher ein. Auf die göttlichen Fügungen der Natur im Barockzeitalter davor verweist in einer vierten Himmelsebene ein typischer Putto mit Goldflügeln. Metaphysik und Religion sind vor dem naturwissenschaftlichen Auge seit Charles Darwin in den Hintergrund getreten. Gottes Fügung gilt seit damals auch nicht mehr für den schöpferischen Menschen. Seine Natur wechselte vom Eroberer und Genie zum einsamen Wanderer von 1818 und weiter zum "Mensch ohne Inhalt" (Giorgio Agamben), einem Hütchenspieler, nahe Samuel Becketts Murphy, der dabei ist, sich und anderen den Ast, auf dem er sitzt, abzusägen und "das Wasser abzugraben".

Caesar und die Berge

Präsentationsformen von Natur und Kunst in den Museen sind die weitere Denkebene, der das Künstlerkollektiv nachspürt: im oberen Stockwerk mit Modellen, Schaukästen und Fotocollagen, aber auch mit Fotos nach den in ihrem Atelier und anderswo gebauten Raum-Dioramen. In einem kleinen Glaskasten trifft eine Caesar-Büste auf eine Berglandschaft, davor tritt der Wanderer Friedrichs noch einmal auf, ein bunter Vogel verlässt seinen Kopf.

Das Kollektiv beleuchtet die wissenschaftliche Vogel- und Schlangenkunde, den Tourismus, die Kartografie, militärische Fotografie aus der Luft, immer wieder aber auch die Kunstgeschichte von der Fassade des Stephansdoms über Hieronymus Bosch bis zum Loos-Haus, alles in ironischer Verfremdung kombiniert. Das "Stillleben in Weiß", ein Tier-Gruppenbild mit Hermelin, ist neben einem Eisbären im Müll zudem Anlass zu Kritik an Raubtier-Kapitalismus, Kunstinstitutionen, Präsentationsformen und den Sujets der "Siegerkunst" auf dem Kunstmarkt.

Eine Ausstellung, die ohne moralisches Geschrei auskommt, viel Schönheitsdiskurs einbaut, und nicht nur, weil sie interaktiv Außen und Innen erfahrbar macht, viel zu bieten hat.