Die Steinzeit ist jetzt angezogen: Kykladen-Idol von Elisabeth von Samsonow. - © Elisabeth von Samsonow
Die Steinzeit ist jetzt angezogen: Kykladen-Idol von Elisabeth von Samsonow. - © Elisabeth von Samsonow

Flach in 3D

(cai) Einfach spektakulär. Aber in Wahrheit natürlich überhaupt nicht einfach. Sondern sehr aufwendig sogar. Und leider kann man die Bilder vom Markus Riebe in einer gedruckten Zeitung nicht abbilden. Obwohl sie im Artemons Contemporary doch eh ganz normal an der Wand hängen.

Und was stimmt nicht mit ihnen? Sind die Farben schon dermaßen digital (eine Serie heißt immerhin "Digital Echoes" - digital!), dass man sie mit analogen Druckfarben gar nimmer reproduzieren kann? Blödsinn. Schuld sind die geilen 3D-Effekte. Flach sind die Originale nämlich lediglich für die Hände. Deshalb braucht man das Live-Erlebnis. Und außerdem, nein, keine 3D-Brille, allerdings zwei Augen. Und ein Fotoapparat hat in der Regel halt nur eines. (Das wird’s sein.) Riebes 3D-Lentikularbilder (Linsenrasterbilder) scheinen die Galeriewand regelrecht aufzulösen. Rätselhafte computergenerierte Formen, amorphe Gebilde, schweben schwerelos aus der Fläche heraus und auch in die Tiefen des virtuellen Raums hinein. Der Blick kriegt beinah einen Tiefenrausch. Abstraktes und Gegenständliches, Geometrie und Biologie vereinen sich überall zu spannungsgeladenen, dynamischen Welten, die sich mit einem mitbewegen. Illusionsmalerei im digitalen Zeitalter.

Melitta Moschiks massenmedial gespeiste Bilder von Grenzbefestigungen wiederum (von niedergerissenen, alten und neuen) sind bloß sichtbar, weil sie so viele Löcher haben. Löcher: etwas für Voyeure. Und was sieht man, wenn man da durchschaut? Die weiße Wand. (Die ja ebenfalls abgrenzt. Räume trennt.) Rasterpunkte werden also in schwarze Stahltafeln gestanzt, bis sich ein wieder hochaktuelles Thema zu erkennen gibt: Mauern. Stille Arbeiten, die das Pech haben könnten, in dieser Ausstellung übersehen zu werden.

Brezen verschränken ihre Arme auch

(cai) In jeder Frau soll ja eine Göttin schlummern und die lässt sich angeblich ganz leicht aus dem Schlaf reißen. Nämlich mit einem magischen Ritual: dem Rasieren der Beine. Behauptet diese Werbung für ein Enthaarungswerkzeug ("Erwecke die Göttin in dir!").

Elisabeth von Samsonow findet ihre Göttinnen auch anderswo. Holt sie zum Beispiel aus Baumstämmen heraus. Natürlich nicht mit dem Damennassrasierer. Quasi wiederauferstandene steinzeitliche Idole. Aber keine Bildnisse der vor lauter Fruchtbarkeit fast platzenden Großen Mutter. Keine Venus von Willendorf also, eher große Töchter. Oder die großgewachsenen Schwestern der schlanken Figurinen von den Kykladen.

"Bei feministischer Kunst denkt man: Ja, ja, da sind die Frauen nackt und so." Und die Künstlerin und Philosophin ist eine Feministin. Und trotzdem angezogen. Sie bekleidet sogar ihre Mädchenskulpturen. Mit Farbe und Röckchen. Wie Steinzeitbarbies. Ist halt sehr verspielt. Ihre Musikinstrumente sind sowieso Spielzeuge. Die spielt man nicht einfach, man spielt mit ihnen. Und weil Puppen beim Spielen beseelt werden, ist die, die Rollen hat, angebunden. Damit sie nicht heimlich abhaut.

Zunächst hält man alles vielleicht für ein bissl naiv. Doch eigentlich treiben die bunten Objekte und Gemälde durch einen komplexen Kosmos aus Mythologie, Magie, Brezeln . . . Brezeln? Diese Teigrollen, die die "Arme" verschränken? (He, wie die Kykladen-Idole!) Ja, die. Eine kriegt hier sogar Junge ("Dynastische Brezel"). Intelligent witzig: die "Mandelbrot-Brezel". Fraktale Geometrie für Bäcker. (Lustigerweise war der Ausstellungsort, die Galerie Jünger, früher einmal eine Bäckerei.) Eine Brezel, "aufgebrezelt" mit Mini-Kopien ihrer selbst. Das Apfelmännchen wird zum Brezelweibchen. Und ein Schlafzimmer zum Transformer: In "The Parents‘ Bedroom Show", das Video der Performance war auch grad in Venedig zu sehen, mutiert das Doppelbett zum Käfig, zum Wartehüttl . . . Oder warten Mama und Papa am Ende nicht auf den Bus, sondern thronen sie auf ihren Nachtkastln? Lust- und humorvoll, diese Kunst. Und eh geistreich.