Schutzpanzer oder Gefängnis? Wohl beides. Angelika Krinzingers "Herta" (2019). - © Angelika Krinzinger
Schutzpanzer oder Gefängnis? Wohl beides. Angelika Krinzingers "Herta" (2019). - © Angelika Krinzinger

Ein Aquarell ist eben kein stilles Wasser

(cai) Der ist also auch so einer, der den andern ihre Stadt verstopft. Aber wieso sollte denn ausgerechnet er nicht nach Venedig, Florenz oder Wien reisen? Außerdem: Wenn er stattdessen daheimbliebe (in Salzburg), würde das bei diesen Massen sowieso nicht auffallen. Dafür gäbe es ein paar Aquarelle weniger auf der Welt. Was manche vielleicht nicht besonders tragisch fänden, doch die haben wahrscheinlich die Aquarelle vom Bernhard Vogel noch nicht gesehen. Um die wär’s nämlich echt schade.

"Mixed-Media-Aquarelle", genau genommen. Acrylfarben sind schließlich ebenfalls drauf. Und Sand. Gemalt werden sie zwar trotzdem noch draußen, direkt vorm Motiv, allerdings dort nicht mehr fertig. Vervollständigt werden sie später im Atelier. Ohne dabei die Frische des unmittelbaren Eindrucks zu verlieren. Und wie schafft der Vogel es, dass man sich sogar seine Venedig-Ansichten anschauen kann, ohne zu rülpsen (quasi), obwohl man sich an Gondeln und Kanälen doch bestimmt schon sattgesehen hat? Na ja, seine technisch erweiterten Aquarelle sind eben keine faden stehenden Gewässer. (Nicht, dass stille Aquarelle nicht tief sein könnten.) Da spielt es sich ab. Gut, die Gebäude bewegen sich eigentlich eh nicht (Immobilien halt), die Farbe hingegen entwickelt eine Eigendynamik. Feiert ausgelassen. Regnet wie - flüssige - Konfetti, wirft sich wie Papierschlangen über die Szene. Vogel: "Das Motiv is ja nur a Anleihe. Der Auslöser, dass ma sich überhaupt hinsetzt." Und vor seinen Stadt-, Gebirgs- und sonstigen Landschaften in der Galerie Wolfrum bleibt man gern ein bissl stehen. He, wo hat er die tolle Aussicht über die Dächer von Wien her (für diese Mischtechnik auf Leinwand)? Vom Kärntnerhof. Der hat "a geheime Terrasse". Hoppala, jetzt hab ich’s verraten.

Alles Gute zum Nabeltag!

(cai) Viele gehen ja ins Museum und fotografieren die Kunst dann lieber, als sie sich anzusehen. Fotos von alten Gemälden macht Angelika Krinzinger ebenfalls gern, aber dabei schaut sie gleich so genau hin, dass man oft nicht einmal mehr einen Schiele erkennt, obwohl der doch unverwechselbar ist. Weil sie eigentlich gar nicht das Bild fotografiert. Sondern bloß einen Teil davon. Und den nachher vergrößert.

Jö, Brustwarzen! Tschuldigung, das sind Bauchnabel. Aus Schiele-Gemälden. Die Narbe, die jeder bei der ersten Trennung seines Lebens davonträgt, wird zum Mittelpunkt einer Serie, in der man obendrein noch die Hand des Malers förmlich greifen kann. Seine Pinselgesten. Und weil die Fotografin ihren Nabel vor nunmehr 50 Jahren gekriegt hat, gratuliert man ihr in den Krinzinger Projekten eben mit einer Mid-Career-Retrospektive (kuratiert von Verena-Kaspar-Eisert). Detailreich, das: Hier ist man definitiv im Reich der Einzelheiten. Und bei dieser unglaublichen Schärfe bekommt man sogar noch jedes Detail von diesen Details mit. Da beherrscht eine ihr Handwerk halt wirklich. Intime Körperstellen, durch die extreme Nahsicht und klare Komposition verfremdet und fast abstrakt, machen einen zum rätselnden Voyeur. Und irgendwann geht das Schauen in Sehen über. (Okay, nicht immer.) "Eyenipple": Plötzlich fallen einem in den konzeptuellen Porträts (Trios aus Auge, Mund, Brustwarze) formale Ähnlichkeiten auf. Lider werden zu Lippen, die Brustwarze starrt einen an wie eine Pupille. Das Korsett, das Krinzingers Sohn quasi in Schutzhaft genommen hat, schwebt freilich unzerstückelt im Nichts. Rüstung und Gefängnis. Kosename: Herta. ("Was dich nicht umbringt, macht dich Herta . . .")

Verspielt kann eine Perfektionistin auch sein, spritzige Experimente mit Löffeln machen. Eine Siegesfeier in der Dunkelkammer? Immerhin soll sie mit diesen "Airline Spoons" ihre Flugangst überwunden haben. Weil es beruhigend ist, dass man selbst in der lebensfeindlichsten Umwelt nicht mit den Fingern essen muss. Nicht, dass ich jetzt keine Brille mehr bräuchte, aber ich sehe eindeutig besser. Besonders die kleinen Sachen.