"Blick auf die Gärten der Villa Medici in Rom". Ein Meisterwerk von Diego Velázquez. Der spanische Hofmaler fertigte es 1630. Nur wenige Jahre später, 1658 malte der Niederländer Johannes Vermeer im für damalige Verhältnisse weit entfernten Delft sein weltberühmtes Gemälde "Die kleine Straße". Das Madrider Prado-Museum hat die beiden Werke nebeneinander gehängt. Der direkte Vergleich soll wirken und vor allem zeigen, wie sehr sich Vermeer an der Maltechnik, an den Motiven, am Licht des Spaniers orientierte.

Die Gemeinsamkeiten und Einflussnahme der spanischen und niederländischen Barockmalerei waren enorm, wie die Prado-Ausstellung "Velázquez, Rembrandt, Vermeer: Parallele Visionen" zeigt. Damit wird zugleich eine lang gehegte Meinung in der Kunstwelt widerlegt. Die Kunstgeschichte, vor allem die niederländische, behauptete immer wieder, zwischen den spanischen und den holländisch-flämischen Barockkünstlern gäbe es große Differenzen in Bildtradition, Technik, Motivwahl und Thematik. Angeblich teils bewusste, nationalistisch beeinflusste Unterschiede.

Wer war’s? Links: "Democritus" von José de Ribera, 1630, rechts: "Democritus" von Hendrick Ter Brugghen, 1628. - © Madrid, Prado (li), Amsterdam, Rijksmuseum (re)
Wer war’s? Links: "Democritus" von José de Ribera, 1630, rechts: "Democritus" von Hendrick Ter Brugghen, 1628. - © Madrid, Prado (li), Amsterdam, Rijksmuseum (re)

Einheit der Kultur

Im 16. und 17. Jahrhundert beherrschte Spanien die halbe Welt - auch die Niederlande. Nicht wenige Adelshäuser lehnten sich gegen die Vorherrschaft der Spanier auf. So auch die niederländischen Provinzen. 80 Jahre lang dauerte ihr blutiger Kampf, bis Spanien 1648 die Unabhängigkeit der nördlichen Niederlande anerkannte. Es waren die Zeiten, in denen sich Nationalstaaten bildeten. Von den Hofmalern und Künstlern wurde Patriotismus verlangt. Doch wie die Madrider Ausstellung zeigt, waren die Barockkünstler viel europäischer ausgerichtet als die damalige europäische Gesellschaft.

Links: "Menippus" von Velázquez, 1638, rechts: "Selbstporträt als Apostel Paulus" von Rembrandt, 1661. - © Madrid, Prado (li), Amsterdam, Rijksmuseum (re)
Links: "Menippus" von Velázquez, 1638, rechts: "Selbstporträt als Apostel Paulus" von Rembrandt, 1661. - © Madrid, Prado (li), Amsterdam, Rijksmuseum (re)

"Natürlich gab es auch länderspezifische Unterschiede. Doch der Austausch von Informationen und die gegenseitige Beeinflussung war in Europa ausgeprägter als wir dachten", erklärt Kurator Alejandro Vergara, Prado-Experte für flämische Kunst. Mehr noch: Der Nationalismus verfälschte die Kunstgeschichte.

Weder Velázquez noch Vermeer oder andere Künstler jener Epoche drückten nationalistische Gedanken aus, sondern überstaatliche, grenzlose Ideen, so Vergara. "Für rund 200 Jahre hat uns die Geschichte weismachen wollen, dass ein bestimmter Ort den Charakter und das Wesen der Malerei ausmacht. Aber das stimmt so nicht. Malerei drückt genau das Gegenteil aus, die Einheit der europäischen Kultur". Die Ausstellung, Ergebnis langer Forschungsarbeit von Experten des Prados und des Amsterdamer Rijksmuseums, sei eine wunderbare "Möglichkeit, die europäische Kulturgemeinschaft als Netzwerk zu begreifen", sagt der Kurator.

Ähnliche Ansichten: Links: "Blick auf die Gärten der Villa Medici in Rom" von Velázquez, 1630, rechts: "Straße in Delft" oder "Die kleine Straße" von Vermeer, 1658. - © Madrid, Prado (li), Amsterdam,Rijskmuseum (re)
Ähnliche Ansichten: Links: "Blick auf die Gärten der Villa Medici in Rom" von Velázquez, 1630, rechts: "Straße in Delft" oder "Die kleine Straße" von Vermeer, 1658. - © Madrid, Prado (li), Amsterdam,Rijskmuseum (re)

Die Exposition, ein Höhepunkt im derzeit laufenden 200-Jahr-Jubiläumsprogramm des Prado, lädt die Besucher ein, nicht auf die Informationstafeln zu schauen. Sie sollen versuchen, zu erraten, welche Gemälde von einem spanischen Barockkünstler wie Velázquez, El Greco, Ribera, Zurbarán oder Murillo stammen und welche von einem holländischen Malern, unter denen sich Künstler wie Rembrandt, Vermeer, Frans Hals, Nicolaes Maes, Fabritius oder Jan Steen befinden. Ein interessanter Selbstversuch. 72 Meisterwerke aus dem "Goldenen Zeitalter" werden so in direkten Vergleich gesetzt. Neben dem Prado und dem Rijksmuseum haben viele internationale Museen Leihgaben geschickt. Am Ende der Ausstellung prangt der Spruch des spanischen Poeten und Philosophen Ortega Y Gasset an der Wand, dessen Gültigkeit die Jahrhunderte überdauert: "Die Einheit der westlichen Malerei ist eine der großen Tatsachen, die die Einheit der europäischen Kultur manifestieren".