Die siebente der Korrespondenzen mit dem berühmten Weltgerichts-Triptychon von Hieronymus Bosch seit 2017 zeigt zwei große Werke der in Nürnberg an der Akademie als Professorin für Malerei tätigen Susanne Kühn. Sie nennt ihre Intervention mit dem Malerstar der Renaissance "Beastville", was schon anklingen lässt, welche Inhalte mit dem Altmeister sie interessieren und ihr mit aktuellen Fragen vergleichbar scheinen. In Zeiten von Klonen, Robotik und Megacitys greift sie zu einer Kombination aus Rückblick in kindliche Welten, auf Anregungen aus fernöstlicher Landschaftsmalerei, aber auch alten Holzbaukästen, die Details aus Hiroshiges Holzschnitten mit fließenden digitalen Welten kombinieren.

Boschs Mischwesen haben ihre wundersamen Bezüge zur christlichen Heilslehre, wurden aber schon als Verrätselungen eines Freidenkers oder eines Sektenmitglieds gelesen. Da die Bilder aber aus dem Umkreis der Habsburger in Auftrag gegeben wurden, ist jedes Anklingen von Blasphemie in seiner Kritik am Frühkapitalismus auszuschließen.

Seit einigen Jahren wird sein Schatz an dämonischen Wesen für die Welt im Höllenbrand sogar seiner Kenntnis von Buchmalerei aus Asien und dem Orient zugeschrieben, die er in den royalen Bibliotheken studierte. Da setzt auch Kühn an, die ein vertikales Gefüge von visionären Landschaftshorizonten mit Bergstürzen und Wasserfällen über die Welt zweier Menschenkinder aufbaut.

Susanne Kühn, Jahrgang 1969, stammt aus Leipzig, wo sie auch an der Akademie mit der berühmten Malschule studierte. 1995/96 wechselte sie mit einem Stipendium nach New York, blieb dort für einige Jahre, um 2001/02 an der Harvard University in Cambridge (Massachusetts) weiter zu studieren. Seit 2015 ist sie Professorin an der Akademie der bildenden Künste in Nürnberg.

Kritische Weltsicht

An Boschs Wiener Altar interessierte sie vor allem die Grisaillenmalerei der Außenflügel, denn auch in ihren Diptychen durchbricht nur wenig Farbe das grauschwarze Zwischenspiel von Zeichnung und Malerei. In "Beastville" und "Robota II", beide entstanden 2019 extra für die Korrespondenz mit Bosch, werden Umweltzerstörung und übertriebene Technisierung unserer Welt kritisch behandelt, doch die aus einem Affenkostüm greifende, sich teilweise vom Fell befreiende, herausblickende Alter-Ego-Figur wartet nicht mehr auf einen Erlöser.

Sie ist allein in der Welt mit ihren beiden Kindern, die auch real als Vorbilder für das in beiden Werken auftauchende Menschenpaar dienen, zum feministischen Statement kommt die Verabschiedung aus dem eurozentristischen Vorbilderreservoir: Auch Kühn ist nicht frei von der Notwendigkeit heutiger Künstlerinnen, postkoloniales Gedankengut einzubauen. Die aktuellen städtischen Lebenswelten sind ohnehin internationale, die Ängste und Neurosen darin ebenso, doch versetzt sie die tierischen Mischlinge und kindlichen Bastelfantasien in eine psychedelische Stilrichtung der Gegenwartskunst. Dadurch wird in dieser ein Abdriften in apokalyptische Negativismen ironisch verhindert, gänzlich entschwunden ist der Humor aber auch Bosch nicht in seinen Höllenvisionen.