Fremdsein. Iris Andraschek und Hubert Lobnig: "Wohin verschwinden die Grenzen?", 2009. - © IA&HL
Fremdsein. Iris Andraschek und Hubert Lobnig: "Wohin verschwinden die Grenzen?", 2009. - © IA&HL

Passend zum Ausblick von der Terrasse der neuen Landesgalerie direkt auf das Stift Göttweig als unfertige barocke Idealplanung eines neuen Jerusalem, kann sich zu Schönheit auch Melancholie gesellen: Landschaft ist in Krems, wie überall, nicht mehr das, was sie einmal war. Schon die Romantik, mit der Kurator Günther Oberhollenzer seine Schau "Sehnsuchtsräume" beginnen lässt, ist Reaktion auf die Naturzerstörung der aufkommenden industriellen Revolution und Rückblick auf ehedem unberührte Landschaft, weshalb die Hoffnungs-Geste in den Bildern auf Erinnerung abzielt. Zum Traum vom Unberührten kam die Ernüchterung, weshalb der Untertitel: "Berührte Natur und besetzte Landschaft" eigentlich schon andeutet, dass wir bis ins Heute geführt werden.

Pioniertaten

Von Egon Schieles Frühwerk um Tulln, seinen Booten im Hafen von Triest über die Wachau als bereits von Touristen und Erholungssuchenden überlaufener Gegend bis zu den Modellen Hundertwassers, die Straßen unter die Erde verbannen, werden wir an Grenzen geführt. Von Michael Wutkys "Ausbruch des Vesuvs" um 1779, einem Katastrophenbild, assoziiert man schnell die aktuellen Brände im Amazonas als heutiges Inferno. Ekaterina Sevrouk hält aber auch das Bild von Flüchtlingen auf romantischen Landschaften als interessantes Gegenprojekt fest, nämlich Fremdsein versus Heimatgefühl.

Die Fülle von Arbeiten bis zu den diktatorisch getrimmten Computerwelt-Collagen Robert F. Hammerstiels und Lois Weinbergers grenzenloser "Ruderal Society" postkolonialer Prägung, aber auch seinem Kunstprojekt in Gars am Kamp, lässt politische Tönung ins Landschaftsthema einfließen.

Zu Beginn versucht der Kurator, uns durch Einteilung in Jahreszeiten an frühere akademische Ordnungen zu erinnern, in Zeiten, da die Landschaft weit hinter Historie und Porträt in der Achtung des Publikums lag. Das Bildungsbürgertum vom barocken Holland bis ins 19. Jahrhundert war der Motor für eine Menge Landschaftsbilder, die den modernen Kunstmarkt beflügelten.

Das geht vom Biedermeier bis in den typisch österreichischen "Stimmungsimpressionismus" eines Emil Jakob Schindler, der auch für Malerinnen wie Marie Egner in der Schule von Plankenberg das Landschaftsmalen vermittelte. Neben ihrem Namen tauchen auch Olga Wisinger-Florian, Emilie Pediz-Pelikan und in Richtung Moderne Josef Dobrowsky, Ferdinand Kitt, Robin Christian Andersen und Leopold Birstinger auf. Eine Gewitterbeschreibung Schieles lenkt über Ferdinand Brunners Jugendstil in die Gegenwart eines Walter Navratil, den subversiven Kitsch Bernhard Traguts und natürlich in die Landschaftsfotografie von Nikolaus Korab und Elfriede Mejchar über Stella Bach bis Heinz Cibulka.

Landleben mit Aktionisten

Cibulka erfand in den 1970er Jahren im Umfeld der Aktionisten in Niederösterreich Bildgedichte im Viererblock und war zudem Pionier einer konzeptuellen Fotografie. Die Kremser Sammlung reicht aus, um ihm im Obergeschoß einen Querschnitt seines Werks bis zu den seit den 1990er Jahren entstehenden digitalen Collagen zu widmen. Dazu gibt es einen Film über seine Arbeitsweise von Magdalena Frey mit Musikstücken von Anton Webern oder auch Andrea Sodomka. Der Künstler verbindet in seinen Fotogedichten das einfache Leben am Land und die Aktivitäten der Aktionisten, vor allem seines Freundes Hermann Nitsch in Prinzendorf. Er war dessen Modell, und seine Fotografien sind Teil des Orgien-Mysterien-Theaters - ein Unterfangen, das heute mit seinen rezenten Porträts von Günter Brus, Peter Kubelka und Fritz Panzer kunsthistorisch und nicht mehr skandalös erscheint. Dazu hat Cibulka einen wesentlichen Beitrag geleistet.