Pinn-Hand (autsch!) von Assunta Abdel Azim Mohamed. Da will wer nicht vergessen, dass er selber schuld ist ("mea culpa"). - © K. Stögmüller, Galerie Ernst Hilger
Pinn-Hand (autsch!) von Assunta Abdel Azim Mohamed. Da will wer nicht vergessen, dass er selber schuld ist ("mea culpa"). - © K. Stögmüller, Galerie Ernst Hilger

Da feht

ein l

(cai) Stimmt. Die Blumen können ja echt nix dafür. Für die Farbe, die sie haben. Die haben sie sich nicht ausgesucht. Bilder haben ebenfalls keine Wahl. Dass die, die grad in der Galerie Krinzinger hängen, schwarzweiß sind, das hat natürlich der Franz Graf entschieden.

Das Opus, nach dem die Ausstellung benannt ist ("eventhe flowers cannot choosetheircolor" - nein, ich hab nicht ein paarmal vergessen, die Leertaste zu drücken), das ist gleich überhaupt nur eine weiße Fläche. Schwarz umrandet wie ein Partezettel, der den Tod der Malerei verkündet. Oder ist das keine gerahmte Leere, hat der Künstler einfach ein Rechteck gezeichnet? Denn der "Bilderrahmen" ist definitiv eine Zeichnung. Wie hier auch sonst vieles komplexer ist, als es zunächst den Anschein hat. Schon allein, weil es sich um lauter Hybriden handelt. Aus Zeichnung und klassischem Tafelbild. (Mindestens.) Technik: Graphit und Tusche auf Holz. Die rhythmisch verteilten Kreise in der Arbeit "Fuckyourself" sind sogar musikalisch. Haben den Durchmesser einer Schallplatte. Apropos "Fuckyourself": Ein obszöner Titel ("Cunt", Vulgär-Englisch für die weibliche Intimregion) kann aus abstrakter Geometrie Pornografie machen. Jedenfalls interpretiere ich die Raute jetzt plötzlich anders.

Egal ob Porträts, Blumen, Ornamente oder Typografie, stets bleibt die Hand spürbar, wird der weiche, zeichnerische Strich lebendig kombiniert und kontrastiert mit der härteren grafischen Flächigkeit. Und in Muster werden kleine Fehler eingebaut. Buchstaben stehen auf dem Kopf, sind seitenverkehrt, während sie den Betrachter auffordern: "Lauf weg!" (Nicht, dass Grafs Kunst zum Davonlaufen wäre.) Es dürfte also Absicht sein, wenn nicht gar Humor, dass im Anagramm "STR IDNAHLB EE EER" (Strahlen der Liebe) ein L fehlt. Ausgerechnet im L-Wort.

Galerie Krinzinger

(Seilerstätte 16)

Franz Graf, bis 4. September

Di. - Fr.: 12 - 18, Sa.: 11 - 16 Uhr

Das blaue Blut des

Kugelschreibers

(cai) Lieblingsfach in der Schule: Latein. Lieblingsheilige: Lucia. (Das ist die, der sie die Augen rausgerissen haben.) Lieblingsfoltergerät: offensichtlich der Kugelschreiber. Mit dem kann man sich nämlich nicht bloß irgendwelche Notizen machen. Okay, das tut die Assunta Abdel Azim Mohamed eh auch. Den Spickzettel pinnt sie dann aber gleich direkt mit der Nadel an die Innenfläche der Hand. ("Mea Culpa" - dass man an allem selber schuld ist, sollte man schließlich nie vergessen.)

Ansonsten benutzt sie das praktische Werkzeug, um die Menschen auf alle nur erdenklichen Arten zu quälen. Allerdings ist ihre Technik nicht "Kugelschreiber in Auge", sondern "Kugelschreiber auf Papier". Beim Zeichnen wird der Kuli trotzdem quasi zum Seziermesser, mit dem diese interessante junge Künstlerin Schmerzen, Ängste, Knochen und Innereien (und die Psyche gehört ja ebenfalls irgendwie zu Letzteren) präzise aus den Körpern herauspräpariert.

Überall Totenköpfe und Vergänglichkeit. Nicht zufällig heißt die Ausstellung in der Galerie Hilger also "Sic transit gloria mundi" (siehe oben: Lieblingsfach). So vergeht der Ruhm der Welt. Lauter brutale Beziehungsgeschichten. Zwischenmenschliches (gut, der vom Riesen-Bärenklau verätzte Hercules ist ein Kater), das sich zu seltsam lethargischen, unglaublich detailreichen Gewaltorgien verdichtet. Barocke Vanitas, Konquistadoren, Skelette in Reifröcken, verbundene Augen, Häutungen mit dem Gurkenschäler und einer trägt das Fan-T-Shirt eines japanischen Kannibalen und Restaurantkritikers ("I could eat you alive") - die Tochter einer Kärntnerin und eines Ägypters lässt sich halt quer durch die Zeiten, Kulturen, Religionen und Genres zu ihrer sehr persönlichen, surrealen Leidensikonografie voller Symbole und skurriler Einfälle inspirieren, wo Störche mit Pfeil und Bogen gejagt werden, damit sie keine Kinder mehr bringen. Nicht, dass hier alles todernst wäre. Oder ist ein apokalyptischer Reiter auf einem Giraffenskelett ("weil er kein Pferd finden konnte") etwa nicht lustig?

Galerie Ernst Hilger

(Dorotheergasse 5)

Assunta Abdel Azim Mohamed, bis 7. September

Di. - Fr.: 11 - 18, Sa.: 11 - 16 Uhr