Wenn man über jemanden behaupten kann, dass er die Launen der Naomi Campbell zähmen kann, dann ist das schon etwas. Peter Lindbergh konnte das. In einem erst vor kurzem veröffentlichten Dokumentarfilm konnte man sehen, wie der Fotograf das unwillig schimpfende Fotomodell dazu brachte, in einen Pool zu steigen. Er sprang selbst hinein.
Man kennt den 1944 geborenen Deutschen Peter Lindbergh gemeinhin als den "Fotografen der Supermodels". 1989 war es, als er in einer New Yorker Straße fünf junge Frauen fotografierte. Ihre Namen: Naomi Campbell, Cindy Crawford, Tatjana Patitz, Helena Christensen und Christy Turlington. Das Besondere an dem Bild: Es war keine typische Modefotografie, die Bekleidung der Damen spielte keine Hauptrolle, ja nicht einmal ihre Topfigur.

"Kleiderständer? Fürchterlich!"

Umso mehr strahlten die Gesichter der Models aus dem Foto, das in schlichtem Schwarzweiß gehalten war. Obwohl sie natürlich posierten, strahlte das Bild eine unbefangene Selbstverständlichkeit aus. Frauen als "Kleiderständer", das fand Lindbergh "fürchterlich", wie er in einem seiner letzten Interviews sagte.
Schwarzweiß war die Ästhetik der Wahl für Peter Lindbergh, mit ihr unterstrich er eine natürliche Eleganz der Frauen und vermied billige Erotik. Mit den daraus resultierenden Fotografien leitete er – nach der neonbarocken Ära der 80er – die neue Nüchternheit der 90er-Jahre ein. Seine Arbeiten füllten Hochglanzmagazine, Bildbände und auch Ausstellungen.
Seine Auftraggeber mussten sich freilich erst daran gewöhnen, dass er die Models mitunter einfach nur in weißen Herrenhemden ablichtete. Selbst zwei Jahrzehnte später, in unserer Zeit der optischen Eigentlich-geht-eh-alles-Vielfalt, stießen sich noch Menschen an Lindberghs Perspektive. Als Anfang des Jahres eine "Vogue" erschien, in der Lindbergh Schlagerstar Helene Fischer porträtiert hatte, liefen Fans emotionalen Amok. Grundtenor der Vorwürfe: der Fotograf habe die wunderschöne Frau hässlich gemacht – und das nur, weil Fischer ungeschminkt war. Das sagte weniger über die Qualität der Bilder aus als über eine pervertierte Vorstellung von Schönheit in der Gesellschaft. Solche Reaktionen war Lindbergh gewöhnt, und doch hielt er an einer Mission fest: "Jeder Fotograf sollte sich heute seiner Verantwortung bewusst sein: Frauen und überhaupt alle Menschen vom Terror der ewigen Jugend und der Perfektion zu befreien. Denn es gibt eine Schönheit, die Individualität ausstrahlt und den Mut, man selbst zu sein mit all seiner Empfindsamkeit".
Am Dienstag ist Peter Lindbergh mit 74 Jahren gestorben.