Vordenkerin der Bodyart: Maria Lassnigs "Selbstporträt mit Stab", 1971. - © Maria Lassnig Stiftung
Vordenkerin der Bodyart: Maria Lassnigs "Selbstporträt mit Stab", 1971. - © Maria Lassnig Stiftung

Sie wird mit ihrem Werk demnächst neben Albrecht Dürer und ihrem 90-jährigen Kollegen Arnulf Rainer in der Albertina die neuzeitliche Malerei von 1500 bis 2000 abfeiern: Maria Lassnig (1919 - 2014).

Diese prominente Kombination hätte ihr wohl gefallen, doch nur sie brachte es in diesem Trio auf 80 Schaffensjahre und daher weitet sich die Schau aus der Basteihalle auch auf das Filmmuseum aus, wo ihre in Amerika prämierten Trickfilme zu sehen sind.

Das Foto der liegend malenden Künstlerin empfängt oben an der Rolltreppe, denn es erklärt ihre spezielle Art aus dem Inneren fühlend direkt auf die Leinwand pinselnd zu übertragen, was ihr der Körper an die Wahrnehmung sendete. Gefühl und Spontaneität der Nachkriegsavantgarde im Informellen kam bei ihr mehr aus dem Inneren als durch die Einflüsse außerhalb, weshalb sie erst zeitlich verschoben, als Vordenkerin der "Body Art", entdeckt wurde.

Selbstermächtigung

Die von Antonia Hoerschelmann kuratierte Schau, die zuvor im Stedelijk Museum von Amsterdam war, ist zwar chronologisch geordnet, sie beginnt aber mit der Kombination eines 1945 nach einem Bombenangriff entstandenen Selbstbildnisses, das Lassnig nie aus der Hand gab, und zwei ihrer bekanntesten späten Großformate: dem Selbst als Atlant und "Woman Power" von 1979.

Fotostrecke 5 Bilder

Das Selbst als Atlant vermag dem Publikum zu vermitteln, wie schwierig ihre erst spät einsetzende Karriere als Malerin war und "Woman Power" zeigt die Selbstermächtigung als Riesin, nackt über Manhattan marschierend. Das Schicksal später Bekanntheit teilt sie mit Louise Bourgeois, die sie vor Ort kennenlernte. In Österreich ist Lassnig schon lange die bekannteste Künstlerin. In den New Yorker Jahren ab 1968 hatte sie es schwer, sich mit ihrem psycho-physiologischen Impetus einer sehr früh wieder figürlichen Malerei neben Minimal- und Konzeptkunst zu etablieren.

Körpergefühlsbilder

Man sah ihr "Bodyawareness Painting" (Körpergefühlsbilder) in türkisen Eissalonfarben als unbegabte Variante der Pop Art. Lassnig lernte deshalb Siebdruck und belegte einen Kurs für Trickfilm, damit konnte sie sich wenigstens durchsetzen und sehr bald einen Preis erringen.

Doch sie entwickelte auch eine politische Sicht - nicht nur gegen den Krieg, wovon "55 Millionen Tote" oder "Raketenbasis: Missiles I und II", auch die vielen Soldatenmänner und Ritter sprechen - die feministische Woman’s Liberation-Szene in Amerika war für sie entscheidend. Science-Fiction und die Sprechblasen der Comics legten sich in ihre ikonografisch traditionellen Themen von Frauen mit Tieren oder Kindern, Kochen und Küssen mit hinein.

Das Leben in fremden Städten, vor allem Paris und New York als Kunsthauptstädte der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, begleitete sie bis zu ihrer Rückkehr als 60-Jährige und ihre Berufung auf eine Professur für "Gestaltungslehre - Experimentelles Gestalten" an der Hochschule für angewandte Kunst durch Ministerin Hertha Firnberg.

Nach ihrem Studium war sie 1951 mit Rainer nach Paris aufgebrochen, um den Surrealisten André Breton zu treffen, zu beider Enttäuschung ließ sie sich von der aufkommenden informellen Malerei aufsaugen.

Die Schau startet aber mit den sich schon damals herauskristallisierenden Selbstmeditationen in malerischen Umrissen, die eine Kinderwagenform abtasten und zum Körperlichen wandeln. Ein weiteres Leitmotiv ist der Tod neben der ironischen oder absurden Kombination "Napoleon und Brigitte Bardot" 1961, auch in Strichen auf die Leinwand übertragen. Das Grafische löste sie in der New Yorker Zeit etwas auf zugunsten malerischen Selbstbildnissen als Laokoon, mit Malstab vor der Leinwand, samt geisterhaft aus dem Bild im Bild auftauchender Mutter.

"Mit einem Tiger schlafen" setzte sie wie das Laokoon-Selbst vor türkisen Hintergrund - ihre pastellige bis grelle Eissalonfarbigkeit wandelt sich erst 1980, nach Wien zurückgekehrt, wieder ins Lila und in dunklere Töne; auch der farbige Weg mit Schwenks von Türkis ins Gelb und Rot kann von Besuchern nachvollzogen werden.

Peinlich und kokett

Der Parcours durch acht Maljahrzehnte bringt auch ihre späten malerischen Überlegungen zu versäumter Heirat und Mutterschaft, wobei nicht vergessen werden sollte, dass sie als besonders heftige Gegnerin von Bindungen in ihren frühen Jahren galt und doch bis zuletzt in der Malerei ihre eigentliche Erfüllung gefunden hat. Neu sind die Peinlichkeit und das Kokette, dabei überträgt sie das ermüdete Selbst natürlich auf die ganze Menschheit und ihr Ego bringt auch Generationskonflikte malerisch hervor.

Dann war sie durch Krankenhaus- und Krückengefühle ab 2005 im schwierigen Alter gefangen; setzte aber zuletzt 2011 den Tod als Zeichner eines Lassnig-
selbstbildnisses ein, der mit rotem Pinselstrich eigentlich als Wiedererwecker fungiert. Die Astronautin fliegt also wieder.