6. September 1919: Staatskanzler Karl Renner war zurück aus Paris-St. Germain, in seinem Gepäck ein "Friedensvertrag", zu dem es keine Alternative gab. Annehmen oder in einer Blockade verhungern und erfrieren. Sich mit dem Verlust der böhmischen Sudetenländer, der Südsteiermark abfinden oder die militärische Besetzung riskieren. Die Abgeordneten in der Wiener Nationalversammlung gaben ihrer Wut, ihrer Empörung und ihrem Schmerz über das "Friedensdiktat" pathetisch Ausdruck, die Tiroler Abgeordneten verließen wegen Südtirol den Raum, aber letzten Endes stimmte eine sozialdemokratisch-christlichsoziale Koalition zu. In den Zeitungen war die Rede vom "Todesurteil". Am Mittwoch, den 10. September 1919 war Renner wieder in Paris und unterschrieb den Vertrag.

Über Erfolge bei den Pariser Friedensverhandlungen wurde in jenen Tagen im Parlament wenig geredet. Immerhin: Westungarn sollte an Österreich andocken, Jugoslawiens Ansprüche an Kärnten sollten einer Volksabstimmung unterzogen werden. Und es gab noch einen Punkt, der in den Monaten vorher viel Aufregung verursacht hat: die früheren habsburgischen Wiener Museen, in deren Besitz sich die junge Republik durch die "Habsburgergesetze" vom 3. April 1919 gesetzt hatte.

Italiens "Kunstraub"

Viel Wirbel verursachte im Februar 1919 die in Wien stationierte militärische Vertretung Italiens, die vierundsechzig Bilder aus dem Kunsthistorischen Museum und der Akademie der bildenden Künste holte und mit dubiosen Restitutionsgutachten nach Italien schaffte. Die österreichischen Protestaktionen gegen den "Kunstraub" brachten es zuwege, internationales Medienaufsehen zu erregen. Dem nachfolgenden, gut begründeten schriftlichen Protest der österreichischen Delegation bei den Pariser Friedensverhandlungen wurde insofern Folge geleistet, als im Friedensvertrag der Status der Wiener Museen gegen alle weiteren Begehrlichkeiten anderer Staaten erfolgreich verteidigt wurde. Österreich sollte nicht ein weiteres Mal gedemütigt werden.

Die Nachfolgestaaten wurden auf die in den jeweiligen Ländern befindlichen Besitztümer und Sammlungen verwiesen. So blitzte die tschechoslowakische Regierung mit ihrer Forderung nach Rückgabe der rudolfinischen Kunstkammer ab; auch Belgien mit dem Begehren, das Goldene Vlies oder den Ildefonso-Altar (Rubens) zurückzuerhalten, sowie Tirol, das die Amraser Sammlung wieder nach Innsbruck bringen wollte, wurden nicht berücksichtigt. Im Friedensvertrag von St. Germain (Artikel 195, 196) wurde Österreich nur zur Rückgabe der im Ersten Weltkrieg beschlagnahmten Kunstgegenstände verpflichtet, eine Dreier-Kommission sollte alle weiteren Streitfälle klären.