Wien. Wenn Bilder Geschichten erzählen: die World Press Photo 2019 zu Gast im "Westlicht". Es ist dunkel, die knallroten Sneaker der zweijährigen Yalena sind staubig vom Sand. Der Mund des Kindes ist zu einem stummen Schrei geöffnet, die Körpersprache spiegelt Unsicherheit und Angst wider. Sie wirkt winzig, verzweifelt und sehr, sehr allein. Vor ihr, über ihr, ragen die Beine ihrer Mutter auf, die sich mit den Armen gegen einen silbernen SUV stützt, während sie von einem Agent der US Boarder Patrol durchsucht wird. Das World Press Photo 2019 könnte kaum aussagekräftiger sein.

"Ich wollte eine abstrakte politische Linie in einer Art und Weise darstellen, die ein menschliches Antlitz trägt", erklärt Preisträger John Moore von Getty Images im Gespräch. Das Foto, entstanden an der US-mexikanischen Grenze, nahe McAllen, Texas, ist zum Symbol Donald Trumps harscher "Zero Tolerance"-Immigrationspolitik geworden. Diese inkludiert eine mögliche Trennung von Elternteil und Kind nach einem Versuch illegaler Grenzpassage. Nachdem Moore das Foto mit dem Text "Honduranische zweijährige Asylsuchende weint, als ihre Mutter durchsucht und festgenommen wird (...) bevor sie weiter in ein Bearbeitungszentrum gesandt und möglicherweise getrennt werden" postete, erbebte das Internet vor Entrüstung.

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Kontroverse um das Bild

Das amerikanische Nachrichtenmagazin "Time" brachte das Foto des Kindes sogar auf der Titelseite, ihm gegenüber ein hämisch auf es herabblickender Präsident Trump. Die Bildunterschrift lautete: "Willkommen in Amerika". Sarah Huckabee Sanders, Pressesprecherin des Weißen Hauses, bezeichnete das Bild als Lügenpresse und einen Versuch der Demokraten, unter Ausbeutung des Fotos von einem Kind ihre Agenda voranzutreiben. Sie würde nicht das einzige Mitglied der Trump-Administration bleiben, das ihren Unmut lautstark in Sozialen Medien kundtat. Auch wenn die kleine Yalena Berichten zufolge schlussendlich nicht von ihrer Mutter getrennt wurde, so steht ihr Bild dennoch für hunderte andere Kinder, die nicht so viel Glück hatten. "Ich wusste, ich würde nie der tatsächlichen Trennung von Mutter und Kind beiwohnen können. Ich versuchte, als Journalist einfach wahrheitsgetreu darzustellen, was ich vor mir sah", so Moore. Und was er vor sich erblickte, hielt er als kraftvolle Aussage fest und entfesselte einen hitzigen Diskurs.

Doch dies ist nur eine Hintergrundgeschichte von vielen. Immer mehr rückt auch die Person des Fotografen selbst und seine ethische Einstellung im Zuge seiner Profession in den Vordergrund. So zum Beispiel verordnete sich einer der Gewinner einen Social-Media-Entzug, um seine Arbeit nicht durch die Schnelllebigkeit derselben zu beeinträchtigen. Ein anderer wiederum begann sich vorzustellen, er selbst oder ein Familienmitglied befände sich in der Fotoszenerie, um evaluieren zu können, ob eine Abbildung der potenziell abgebildeten Personen ethisch vertretbar wäre. Ebenso sind Veränderungen der bildlichen Dokumentation der Lage in Syrien erkennbar: Nachdem kaum noch ausländische Medien ihre Fotografen in die Kriegsgebiete entsenden, beginnen junge syrische Menschen, ihren Alltag selbst festzuhalten.

"Fotojournalismus macht einen Unterschied. Jeden Tag, den ich fotografiere, hoffe ich, dass mein Bild Wirkungskraft haben wird", sagt Moore, der auch schon stolzer Besitzer eines Pulitzer Preises ist. Eben jene Fotografen, die Bilder mit Gewicht schießen, rückt die niederländische World Press Photo nun schon seit dem Jahr 1955, und bereits zum 18. Mal in den Räumlichkeiten des Wiener "Westlichts", ins Rampenlicht. Zu den ehemalig sieben Kategorien "Zeitgenössische Themen", "Sport", "Porträt", "Natur", "Generelle Nachrichten", "Nachrichten auf den Punkt gebracht" und "Langzeit-Projekte" gesellt sich dieses Jahr erstmals, im Hinblick scheiternder Politik und weltweiter Klimastreiks, die Kategorie Umwelt. Auch werden dieses Jahr zum ersten Mal nicht nur Einzelbilder, sondern auch Fotoserien ausgezeichnet, um auf verschiedene Arten des Storytellings einzugehen. Chefkuratorin Sanne Schim van der Loeff freut sich ebenfalls zu verkünden, dass 30 Prozent der Preisträger des diesjährigen Wettbewerbs Frauen sind. Davor hielt sich der Anteil weiblicher Ausgezeichneter bei um die zehn Prozent.

Ein Auszug der ungewissen Reise der kleinen Yalena und noch viele weitere aufwühlende und bemerkenswerte Schicksale, gebannt auf einzigartigen Fotos, finden sich bis 20. Oktober im Westlicht.