Die Situationen sind hinlänglich bekannt. Jeder kennt sie, der nicht mit verschlossenen Augen durch sein Leben geht. Die unterschiedlichen Charaktere, die die Straßen zu bieten haben - alt, jung, schön, hässlich, arm, reich. Die Kulisse, die die Straße hergibt: von der abgeblätterten Patina längst zugesperrter Geschäfte zur optischen Übermacht der Werbeflächen. Die müden, leeren Gesichter in der U-Bahn.

Manche sehen da freilich genauer hin, und so ist ein derzeit außerordentlich beliebtes Genre der Fotografie entstanden: die Street Photography. Das Kunsthaus Wien zeigt nun einen Überblick solcher Arbeiten aus über sieben Jahrzehnten. Die aus Österreich stammende Lisette Model (1901-1983) macht den Anfang in der Schau mit ihren sehr heutig wirkenden Schnappschüssen etwa einer dicken Frau in Blümchenkleid, deren mondäner Sonnenhut gleichzeitig lächerlich und einschüchternd ist. Models Motto war, auf einen richtigen Moment zu warten - der Moment, wenn "das Objekt dir in die Magengrube schlägt". Dementsprechend sind ihre Bilder oft auch am Rande einer lustvollen Gemeinheit. William Klein wiederum sah sich als Gegenprogramm zur Unsichtbarkeit von Henri Cartier-Bresson, Kleins Präsenz als Fotograf ist deutlich spürbar. Etwa in einem Foto aus den 70ern, in dem ein spielender Bub mit seiner Pistole und mit entschlossener Grimasse auf die Linse zielt.

Schnelle Siesta

Manche Fotos zeigen die Verwechselbarkeit von urbanen Flächen - und die ist kein modernes Phänomen, wie auf den Fotos von Philip-Lorca di Corcia, auf denen man das New Yorker Chinatown und Hongkong kaum unterscheiden kann. Schon in den 70ern hat Rudi Meisel Szenerien auf deutschen Autobahn-Raststätten fotografiert - eine Mutter, die zum Rauchen ausgestiegen ist, ihr Baby bleibt im Auto. Männer, die schnell auf der Kühlerhaube siestieren. Auf den ersten Blick könnten die Fotos auch in den USA entstanden sein. Örtlich wiederum leicht zuordenbar sind die Fotos, die Michael Wolf in der Tokioter U-Bahn gemacht hat: von jenen Menschen, die als Letzte in den Waggon hineingequetscht werden und deren Gesicht gequält gegen die Türscheibe gepresst ist.

Wenn diese Bilder naturgemäß eher statisch sind, so entsprechen andere wiederum der Dynamik der Straße: Etwa Fotos von Bruce Gilden aus den 80ern, wie jenes, in dem einen die alte Dame mit der Wetterhexe am Kopf nachgerade anspringt, während das hinter ihr eine junge Frau mit Zigarette in der Hand belustigt beobachtet. Oder die Arbeiten von Dougie Wallace aus Mumbai, die Fahrten mit Autorikschas dokumentieren: Fahrer, die entnervt über ihre liebevoll verzierten Lenkräder schreien, geduldige und grantige Frauen, abenteuerlustig lachende Kinder - bunt, laut, mittendrin.

Eine ganz eigene Energie haben die Fotos, die Maciej Dakowicz immer wieder auf der Partymeile in Cardiff macht. Jenem dicklichen jungen Mann, der ein lila Spaghettiträgerkleid und einen rosa Plüsch-Cowboyhut trägt, möchte man fast über das Gitter helfen, über das er zu klettern versucht - so sehr wirkt es wie ein Ausbruch aus der Feierhölle.

Miniaturmenschen

Hier stehen klar Menschen im Vordergrund, auf den Bildern von Natan Dvir sind sie zu Miniatur-Nebenfiguren mutiert. Besonders eindrucksvoll auf einem Foto, das Menschen in einem offenen Stadttourbus zeigt - eingeklammert zwischen der riesigen Werbung für eine Horrorserie auf dem Bus und einem überdimensionalen erschrockenen Frauengesicht mit verwehten Haaren, das auf die Zauberei im Plakat unter ihr zu reagieren scheint - während die Asiaten mit den Fotoapparaten von der offenkundigen Gefahr hier nichts mitbekommen.

Apropos Miniaturen: Derer bedient sich Slinkachu, ein Fotokünstler, der Street Photography unkonventionell umsetzt: Er arbeitet mit vorgefundenen Situationen, etwa einer toten Hummel, und inszeniert die genau dort, also mitten auf der Straße, mit Modelleisenbahnfiguren neu. In diesem Fall haben ein Vater und sein Kind diese Hummel mit dem Gewehr erlegt.

Nicht nur hier zeigt sich, dass Humor ein wichtiger Bestandteil der Street Photography ist. Das beweisen schon die Bilder von Lisette Model, und Künstlerinnen wie Melanie Einzig setzen die Tradition fort. Es ist aufmerksamen und geistesgegenwärtigen Menschen wie ihnen zu verdanken, dass der Star dieser Ausstellung wohl ein schwarzer Mann ist, der in einem kessen gelb-weißen Häkeloverall mitsamt einem Häkelhut, den man früher gern zum Verhüllen von Klopapier verwendet hat, in der U-Bahn sitzt und an seinem nächsten Hammerhäkeloutfit arbeitet.