Rinnende Farbe, na und? Nein, ein Teppich von Noémi Kiss, der nur so flüssig tut. - © Noémi Kiss
Rinnende Farbe, na und? Nein, ein Teppich von Noémi Kiss, der nur so flüssig tut. - © Noémi Kiss

Krieger des

Eies

(cai) Die Fußmatte beim Eingang gehört übrigens nicht zur Ausstellung. Aber man wird von ihr gleich einmal eingestimmt auf den neuen Themenschwerpunkt in der Fotogalerie: Rituale. Formalisierte, meist feierliche Handlungen mit hohem Symbolgehalt. Festigen den sozialen Zusammenhalt. (Und sich die Schuhe an der Dacke abzutreten, ist ja ein Betretungsritual.)

Fleißig wird über Identität, Rollenbilder, Gruppenzwänge nachgedacht. Wird Männlich- und Weiblichkeitsritualen nachgespürt. Adidal Abou-Chamat führt diverse Tragevarianten des Kopftuchs vor. Trotz Totalverhüllung am Schluss hat ihr Video ein Happy End: Der Wind bläst ihr den Schleier vom Gesicht. Von Marta Zgierska, die sich bei einem mühevollen Schönheitsritual quasi gehäutet hat: abstrakte Selbstporträts. Farbhäute in "mädchenhaftem" Pastell. Die unmenschlichen Reste der abgezogenen Gesichtsmasken. Malerisch und in zarten Farbtönen fotografiert auch Denis Butorac seine sehr ästhetisch arrangierten Tierkadaver und Innereien. Versöhnt sich mit einem blutigen Initiationsritus. Vom rituellen Schlachten zur rituellen Schlacht: Football. Wenn in acht konzentriert martialischen Filmminuten Trainer ihre jungen Krieger "z’ammscheißen" und zu "Männern" drillen, fühlt man sich selber nimmer sonderlich friedlich und entspannt. "More Man" von Erik Levine. Mehr Mann also.

Den Retourgang in die Kindheit legt dagegen Simon Lehners Zweikanal-3D-Videoanimation "September" ein. Starke, surreale Bilder. Als wäre man in einen fremden (Alp-)Traum hineingeworfen worden. Und der Rosmarie kann man sowieso nur fasziniert zuschauen, wie sie (dokumentiert vom Filmemacher Andrés Duque) inmitten der Hektik Barcelonas nach mysteriösen Regeln und mit allerlei Linealen seelenruhig ihre eigene magische Welt vermisst.

Fotogalerie Wien

(Währinger Straße 59/WUK)

Rituale I, bis 5. Oktober

Di. - Fr.: 14 - 19, Sa.: 10 - 14 Uhr

Makrostaub ist nix

für Staubsauger

(cai) Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile, sagt man. Und wenn der Teil bereits das Ganze ist? Ach so, ist er eh nicht. Der Teil ist einfach nur ganz, nicht schon alles. "Ganze Teile" heißt jedenfalls die Ausstellung eines Künstlerpaares, das offensichtlich gut im Teilen ist. Brigitte Prinzgau und Wolfgang Podgorschek teilen sich nämlich die Arbeit und den Künstlernamen: PRINZpod. (Seit Brangelina sind sie sicher froh, dass sie keine berühmten Schauspieler sind, sonst hätte man sie längst in Wolfgitte umbenannt.)

Bekannt sind sie vor allem für ihre Kunst im öffentlichen Raum (in der Pampa haben sie einmal bei einer archäologischen Ausgrabung ein Stück Autobahn "gefunden"), in der Galerie Wolfrum zeigen sie jetzt intimere Formate. Und unter anderem ihren "Makrostaub". Makro? Klein und intim klingt das aber nicht. Eher so, als würde der Staubsauber damit nimmer fertigwerden. Okay, es handelt sich um Krimskrams aus dem Alltag. Und daraus werden dann pointierte Collagen (wo sich etwa der Klappverschluss eines Milchpackerls mit scheuem Blick öffnet) oder gleich Architekturen: "Pi-goden" (enthalten viel Pi, die mysteriöse Kreiszutat). He, diese spitzen Türmchen aus gestapelten Kreisscheiben und mit markanten "Nippeln" sind ziemlich anatomisch. Und in der Serie "Torsi" (Aktzeichnungen mit irritierender Behaarung und so) ist der Teil quasi Programm. Die Teile, auf die’s ankommt, sind sowieso komplett drauf. ("A + E": natürlich Adam und Eva.) Der Humor ist hier ja generell sehr sinnlich. Nicht, dass man in dieses Riesenkeks in Hasenform ("Immer noch nicht der letzte Hase in der Kunst") unbedingt reinbeißen möchte. Prinzgau: "Das kann ich ehrlich sagen: Ich kann überhaupt nicht backen."

Apropos sinnlich. Und Material. Was Noémi Kiss im Souterrain mit Teppichen anstellt, das ist hohe Illusionskunst. "Ich zwinge einen Teppich zu etwas, was er nicht kann." Nein, das Fliegen bringt sie ihm nicht bei, doch sie kleckst ihn an die Wand wie dünnflüssige Farbe oder macht aus einem zwei, die übereinanderliegen und deren Ecken sich unglaublich plastisch aufbiegen. Und alles bloß, indem sie geschickt Konturen schneidet und Licht und Schatten malt. Geil.

Galerie Wolfrum

(Augustinerstraße 10)

PRINZpod und Noémi Kiss,

bis 12. Oktober

Mo. - Fr.: 10 - 18, Sa.: 10 - 17 Uhr