Maler müssen nicht unbedingt darüber nachdenken, woher ihre Leinwand, ihre Grundierung und Farben stammen, denn seit dem 20. Jahrhundert gibt es viele Fertigprodukte und die Tradition verblasst. Manches Produkt wie der berühmte Wiener Neustädter Terpentin wurde nach 1970 nicht mehr hergestellt, der Beruf des Pechers ging fast verloren. Einige wenige haben ihn wiederbelebt und kommen in Katalog und Ausstellung von Johanna Kandl zu Wort. Auch wenn Kunsthistoriker oft wenig mit der Geschichte des Malmaterials anfangen können und die Fachkenntnis Restauratoren überlassen, könnte diese Schau eine besondere Anziehung für das Publikum werden, da am Gang auch das ausgestopfte Huhn und das Ei (für Ei-Tempera) mit den vielen handelnden Personen kombiniert ist - vom Bergwerk bis zur Lein- und Mohnzucht kommen alle zu Wort, die weltweit Malmaterial erzeugen. Mit den Bundesgärten hat Kandl im Kammergarten vor der Orangerie Krapp, Kakteen, Föhren und Lein in Beete und Tröge gesetzt, um das Haptische der Gewinnung, wenn auch hier ohne die berühmten Läuse und Marder für Pinselhaar, zu verdeutlichen.

Langjährige Faszination

Kandl hat die Faszination seit ihrer Professur an der Angewandten offenbar nicht mehr losgelassen: Vor fünf Jahren startete sie im Essl Museum ihre langjährige Recherchetätigkeit in Sachen Dammarharz und Gummi Arabicum, verbunden mit Reisen in die Ursprungsländer. Nun hat sie eine Frau in Tunesien gefunden, die der Ausbreitung der Wüste trotzt, indem sie tief wurzelnde Akazienbäume für die Gewinnung pflanzt - zum Rohstoff kommt die positive Auswirkung auf die Umwelt. Der Wald ist deshalb ein wichtiges Kapitel in der Ausstellung, die didaktisch, aber auch in wilder Mischung mit eigenen Gemälden, Filmen und Fotografien, die meist die Geschichte der Materialgewinnung erzählen, spannend bleibt. Wie immer in Kandls künstlerischen Forschung ist die sozialpolitische Seite wichtig, auch die Hinweise auf ein postkolonial weltweit agierendes Denken. Dabei sucht sie die Mythen und Alltagsgeschichten der Menschen, die den Inhalt mitbestimmen. An ihrer Museumsausstellung partizipieren immer viele, deren Überleben und Bezug zu Pflanze, Erde, Stein und Tier Kandl vor den alten Ölbildern einmal laut mitsprechen lässt.

Kandl lenkt den Blick hinter die Porträts auf die Leinwand. Deshalb hängt sie am Eingang in Art einer Ikonostase Werke von Maria Lassnig, Wilhelm Thöny, Martin Kippenberger, aber auch Anton Maulpertsch und andere Barockmalern auf ein Gitter - man kann sie alle von der Rückseite sehen. Alte Spuren des Materials werden sichtbar. Hermann Nitsch hängt hier wie Albin Egger Lienz oder Sandro Botticelli, um auf deren Verwendung von Blut, in der Renaissance aber von Lapislazuli und Malachit zu verweisen. Daneben ist auch das grobkörnige Umbra neben Erden im Ockerton zu finden. Ihm wurde "Mumia vera" beigemischt, um ein sattes Braun zu erzeugen. Auch in Europas Apotheken als Medizin zur Lebensverlängerung lange angepriesen, ist dieser Stoff nicht immer tatsächlich aus zerriebenen mumifizierten Toten hergestellt. Die Mythen aber bleiben und die Geschichte kolonialistischer Ausbeutung ist beim Gold noch schlimmer.

Die Mineralien kommen aus dem Naturhistorischen Museum und bilden mit Farbproben eine Wand zum letzten Kapitel: dem Bergbau. Nach den pflanzlichen und tierischen Rohstoffen, die von Sibirien bis Sumatra, von den Kanaren, Afrika, Türkei bis in den Iran zu verfolgen sind. Viele Unterkapitel verraten Wissen über die Koschenille (Schildlaus für Rotgewinnung), Mastix, Asphalt und über Zeigerpflanzen, die verraten, welche Mineralien in einem Berg darunter zu vermuten sind, und nebenbei darüber, wie viele Dinge nicht nur zum Malen, sondern auch zum Essen geeignet sind. Giftig sind nur wenige Farben, doch dem Kremser Weiß widmen Helmut und Johanna Kandl dann ihre nächste Geschichte.