Archiv der Gedanken und Gefühle: Ausstellungsansicht von Korakrit Arunanondchai, Secession 2019. - © Korakrit/Sophie Thun
Archiv der Gedanken und Gefühle: Ausstellungsansicht von Korakrit Arunanondchai, Secession 2019. - © Korakrit/Sophie Thun

Die deutsche Künstlerin Alexandra Bircken und Korakrit Arunanondchai aus Thailand sind derzeit mit Werken bei der 58. Biennale in Venedig zu sehen - und außerdem in der Wiener Secession. Im vierten Ausstellungszyklus des Jahres gibt es zudem noch eine Personale im Hauptraum von dem in Graz geborenen und in Wien lebenden Künstler Tillman Kaiser dazu.

Zwei Jahre hat er an einer Installation für den Hauptraum gearbeitet, die eine subtile Annäherung an die nahezu sakrale Architektur der Secession im Sinne des alten Gesamtkunstwerks anstrebt - mit passendem Titel: "Im Dom".

Kaisers großformatige Bilder sind Collagen aus Fotos einer riesigen Lochkamera, Malerei und Grafik, dabei auch Botschaften in Spiegelschrift. Sie kombinieren Fotogramme der im Raum angeordneten Skulpturen mit einer Maske, die von einer Kinderzeichnung auf seiner Ateliertür übertragen wurde und geometrischen Motiven, die sich wie eine Folie kinetistisch-rhythmischer Spannungsfelder darüber spannen.

Ironische Skulpturen

Man in Blue: Alexandra Bircken, Deflated Figure (Blau, Deine Beine), 2019. - © Thun
Man in Blue: Alexandra Bircken, Deflated Figure (Blau, Deine Beine), 2019. - © Thun

Ähnlich hat er die Stirnwand mit einer Wandzeichnung versehen, die als perspektivisch-geometrische Spielerei ein aufstrebendes wie absteigendes Quadrat nur durch teilweise Akzentuierung in Bleistift auf optische Wanderung schickt. Ironisch wirken seine Skulpturen, teils Kombinationen aus gleichen Formen, die eine verspielte Säule zitieren, aus seinen Papierfaltgebilden, Drahtgeflechten und fremden Skulpturen - dabei eine Rakete von Stano Filko (1937-2015), dem bekannten slowakischen Konzeptkünstler.

Annäherung an die sakrale Architektur: Tillman Kaisers "Im Dom", Ausstellungsansicht Secession 2019. - © Iris Ranzinger
Annäherung an die sakrale Architektur: Tillman Kaisers "Im Dom", Ausstellungsansicht Secession 2019. - © Iris Ranzinger

Hier flammt der alte Schönheitskanon zurück zu Kants "interesselosem Wohlgefallen", aber auch Jugendstil und Gotik, tatsächlich wieder auf. Doch nebst einem Vogelkäfig und einer Fischreuse fällt zum Glück jeder Anflug von Pathosformel schnell in sich zusammen. Die gut kombinierten Techniken, ambivalent verbundenen Kunstgattungen, und die Wiederholungen von Motiven an der Wand durch weiße Schatten des Fotogramms, geben dem wohlüberlegten Gefüge einen Touch an Spontaneität, unterstützt vom armen Material.

Der Vogelkäfig als Kirchenmodell weist noch einmal auf die nur dem Ritual und nicht dem Zweck dienende sakrale Tempelarchitektur des Secessionsgebäudes. Die Stammesmaske als Zitat der wilden Vergangenheit leitet auch über zum Schaukelpferd in der Kellergalerie, das die ehemalige Fashion Designerin Alexandra Bircken in den ersten Raum stellt, eine schwere männliche Maschine, umgeben von eher zarten, in sich zusammengesunkenen Figurenhüllen, rosa und hellblau gegendert.

Körper in Unruhe

In einem verspiegelten Schrank sitzt ein ausgestopfter Fuchs nebst weiblicher Hülle, viele Spiegel verändern die genau nachgenähten, auch nach Körpern gestrickten Gewandhüllen. Zu den Hüllen auf Plastikstühlen, in angebrochenen Fensternischen, eingehängt im Spiegelschrank, kommen Kleiderhaken als Stützen, prothesenhaft mit Scharnieren verbundene Hölzer, auch Ski. Mit teils nach innen gestülpten Geschlechtsmerkmalen vermessen die stereotypischen Leitmotive Birckens "In Unruhe" aktuelle Körperpolitik, erinnern aber auch an feministische Body-Art einer Kiki Kogelnik oder mit die Sexpuppen Renate Bertlmanns in den 1970ern, wie die disparaten Skulpturen von Sarah Lucas und Gelatin.

Der Weg zum filmischen Werkkomplex Korakrit Arunanondchais um eine Hauptfigur in seinem Archiv der Gedanken und Gefühle "with history in a room filled with people with funny names" ist ein mit gepressten Pflanzen gepflastertes Herbarium. Denim-Jeansstoff, Body Painting und Hinweise auf ständigen Wandel im Anthropozän, kombiniert der Filmemacher aus New York witzig mit Ritualen animistischer Aktion.