"Wiener Zeitung": Bis zum Wochenende findet in Wien noch die Vienna Fashion Week statt. In Ihrer Autobiografie "Eine andere Art von Schönheit" schreiben Sie, dass in Ihrer Jugend Wien nicht gerade eine Stadt der Mode war.

Elfie Semotan: Es gab damals in Wien für Mode überhaupt keine Strukturen. Es gab keine Modezeitschriften, kaum Modefotografen. Es gab zwei Prêt-à-porter-Modefirmen und fünf Haute-Couture-Salons. Ich bin in Wien in die Modeschule gegangen und habe festgestellt, dass die Modeschule zwar eine wunderbare Einrichtung ist, aber nicht so gut, wie sie sein sollte. Nach einem Praktikum war mir bewusst: Die Entwürfe, die ich in Wien machen durfte, würde ich selbst nicht mit 60 Jahren anziehen wollen. Wenig später war mir klar, dass ich nach Paris gehen muss, um mich weiterzuentwickeln.

Dort haben Sie zuerst als Model gearbeitet.

Ich hatte wenig Geld - das hätte vielleicht für zwei, drei Wochen gereicht -, und so habe ich angefangen, als Model zu arbeiten. Das war nicht der von mir angestrebte Beruf. Gefallen hat es mir dann doch. Ich bin viel gereist und habe viel gesehen. Vor der Kamera habe ich mich nie wohlgefühlt, aber ich habe sehr viel gelernt, was später für mich sehr wichtig wurde, als ich auf der anderen Seite der Kamera stand. Von John Cook, einem Fotografen, mit dem ich etliche Jahre zusammen war, lernte ich das Handwerk des Fotografierens. Nach zehn Jahren bin ich aus Paris nach Wien zurückgekehrt. Wien war damals im Aufbruch. Und ich brachte aus Paris das Wissen mit, das in Wien noch nicht vorhanden war. Der Zeitpunkt war ideal.

Wie schätzen Sie Wien heute - was die Mode betrifft - ein?

An der Hochschule für angewandte Kunst gibt es eine Modeklasse, in Wien leben viele kreative Modeschöpferinnen und Modeschöpfer. Mode ist in den Medien präsent und es gibt ein Publikum, das sich gerne gut kleidet.

Welche Rolle hat Ihr enger Freund Helmut Lang - mit dem Sie ja lange Jahre zusammengearbeitet haben - dabei gespielt, Wien auf der Karte der angesehenen Mode-Städte zu positionieren?

Helmut war mit seinem eigenwilligen Stil schnell erfolgreich, und in der Folge ist auch Wien in den Fokus gerückt. Er war bereits in aller Welt berühmt, aber erst als Helmut in die USA auswanderte, wurde er in Wien so richtig wahrgenommen. Einer der Gründe war vielleicht, dass Helmut nie im Rampenlicht stehen wollte. Seine Mode sollte im Mittelpunkt sein. Parallel dazu entwickelte sich Prêt-à-porter - leistbare Mode, die von vielen Menschen getragen werden konnte.