Am Anfang stand der Wunsch der beiden Kuratoren, Diethard Leopold und Hans-Peter Wipplinger, den Maler Richard Gerstl (1883-1908) endlich in einen internationalen Kontext zu stellen. Das ist in Ausstellungen noch nicht passiert, da sein Werk mit etwa 70 Bildern und Zeichnungen sehr klein ist: Mit nur 25 Jahren brachte sich der Hochbegabte um, eine Parallele zu seinen Inspiratoren Vincent van Gogh und Chaim Soutine. Das Kunstmuseum Zug ist Kooperationspartner, denn es besitzt neben dem Leopold Museum die meisten Hauptwerke.

Der schwierige Charakter, den ein Hauch von Rätselhaftigkeit umgibt, auch wenn Gerstl das Publikum sehr direkt als Lachender oder auch Nackter anspricht, ist einer der wichtigsten Vertreter des Frühexpressionismus. In Schule und Akademie unangepasst, hatte er schon einige Jahre vor Egon Schiele durch Ausstellungen der Secession von französischen Expressionisten und Edvard Munch diese damals ultramoderne Richtung eingeschlagen. Weder sein Akademielehrer Christian Griepenkerl noch Heinrich Lefler, in dessen Landschaftsklasse er über den Pointillismus zum wilden Pinselstrich wechselte, haben das verstanden.

Rasante Entwicklung

Nur im Kontext mit internationalen Anregungsquellen ist seine rasante Entwicklung verständlich und schon damals wurde Gerstl schnell ein Künstler für Künstler, was er bis zum heutigen Tag von Jean Egger bis Martha Jungwirth, Herbert Brandl oder Georg Baselitz geblieben ist. Deshalb ist der Zyklus Jungwirths über das interessante Doppelbildnis Gerstls von den Schwestern Fey aus dem Belvedere im ersten Raum.

Gersts nächste Vorbilder waren neben van Gogh die Bildnisse Munchs oder auch die Figurendarstellung Soutines, von dem es in der Sammlung Leopold II besondere Beispiele gibt. Selbst Arnulf Rainer und die Aktionisten waren nach Arnold Schönberg von seiner exzessiven Selbstbeobachtung beeinflusst. Ein Raum bringt diese schonungslose innere Analyse zur Sprache - gekoppelt war diese mit einer Formzertrümmerung durch Farbmaterie, wie sie fast 60 Jahre danach in Otto Muehls frühen Materialbildern wiederkehrt.

Zwei Forschungsprojekte begleiten die Ausstellung: Das Archiv von Otto Breicha kam ins Leopold Museum und wird mit seinen wichtigen Quellen einbezogen. Es bringt immer noch unbekannte Briefe und Zeugnisse, Fotos und Kataloge zum Vorschein, die in Vitrinen zu finden sind und noch von Gerstls Bruder Alois stammen. Daneben haben die Restauratoren des Hauses mit jenen des Wien Museums Farb- und Formanalysen gemacht, über die im Katalog nachzulesen ist. Man kann damit Licht in unklare Datierungen mit allen neuen Erkenntnissen bringen. Die bekannten Porträts der Familie Schönberg - eines kaufte Werner Hofmann für das Mumok - haben neben Jungwirth vor allem Willem de Kooning beigestellt, um die Formzertrümmerung im abstrakten Expressionismus Amerikas durch pastos aufgetragene Farbe als Fortsetzung zu erklären. So gibt es von Pointillismus über alle Wandlungen des Expressionismus bis heute eine Spur, die Gerstl hinterlässt. Auch in Richtung psychologisch aufgeladener Stimmung ist diese zu finden.

Das hängt mit der traurigen Vita des Künstlers und seiner Beziehung mit dem Ehepaar Schönberg und dessen Freundeskreis, etwa auch dem Musiker Alexander von Zemlinsky, zusammen. Gerstl war Privatlehrer der Schönbergs im Malen, wobei ihm die aufflammende Liebesbeziehung zu Mathilde Schönberg zum Verhängnis wurde, da sie ihn gesellschaftlich völlig isolierte. Die Wiederentdeckung Gerstls erfolgte nach 1945 und den Tiefen der "entarteten Kunst". Heute ist er der Star des österreichischen Expressionismus neben Schiele und Oskar Kokoschka. Die Liebesbeziehung Gerstls zu Mathilde Schönberg hat Muehl mit Terese Schulmeister in der Filmsatire "Back to Fucking Cambridge" verarbeitet.