Arnulf Rainer wird heuer im Dezember 90 Jahre alt. Obwohl er bereits vor fünf Jahren mit einer Retrospektive in der Albertina geehrt wurde, sind nun in drei Sälen seine Hauptwerke aus den Sammlungen noch einmal konzentriert.

Kuratorin Antonia Hoerschelmann wählte die spannenden frühen "Zentralisationen" aus der Pariser Zeit als Auftakt, dabei ist vor allem die mit Öl auf Jute aufgespannte, sehr reduzierte Arbeit mit der Signatur "Trr 51" ein Klassiker. 1951 reiste der junge Rebell - drei Tage Akademie waren ihm genug - mit der zehn Jahre älteren Maria Lassnig aus dem konservativen Nachkriegswien Richtung Paris, der damaligen Kunsthauptstadt Europas. Nach der anfänglichen Schwärmerei für André Bretons Surrealismus wechselten beide schnell in die aktuellere informelle Malerei, die in den Galerien gezeigt wurde. Das abstrakte Informel sollte dann in Wien Neugier auslösen, weitere Reisen anstoßen und Ausstellungen in der Avantgarde-Galerie nächst St. Stephan nach sich ziehen. Nach den folgenden Vertikalgestaltungen gelangte Rainer zu seinem favorisierten Schwarz und über theologisch-philosophische Diskussionen mit Monsignore Otto Mauer, dem Domprediger und Leiter der Galerie St. Stephan, zur meditativen Übermalung.

Diese kann auch in Rot stattfinden oder eine grüne Ecke, einen weißen Streifen frei lassen. Was als aggressiver Akt angesehen und kritisiert wurde, sogar zu Drohungen und einem Prozess führte, da er auch Bilder der Kollegen übermalte, ist für ihn eine Reflexion über Bildlöschung, Leere - ein Versuch wie von Kasimir Malewitsch davor, zu einem Nullpunkt zu gelangen. Er betreibe "Malerei, um die Malerei zu verlassen", sagte Rainer in einem seiner ersten Manifeste. Es sollte Künstler und Kunsthistoriker wie Werner Hofmann befeuern. Er blieb nicht bei der flächendeckenden Meditation, sondern benützte auch wie Tizian und Edvard Munch vor ihm die Finger statt den Pinsel zum Malen und kratzte in die Oberflächen, vor allem bei seinen Fotoserien.

Ästhetischer Schimmer

In diesen tauchen die Figuration und das Interesse an performativer Agitation vor der Kamera bei Rainer in Zeiten des aufkeimenden "feministischen Aktionismus" auf. Seine "Face Farces" und "Body Poses" verwenden den eigenen Körper, den er nach Franz Xaver Messerschmidt oder den frühen medizinischen Fotos zur Hysterie von Jean-Martin Charcot in Autoaggression verrenkte oder extremen Positionen und Gesten unterzog. 1972 legte er schwarze und gelbe Farbstreifen und Flecken in dynamischem Zug über sein Gesicht, zudem zierten schwarze Rinnen und Spritzer Körper. Farbe kann auch auf Bilder und Fotos geschlagen werden, um spontane Bewegung zu verstärken.

Eine weitere wichtige Serie sind die Kreuzbilder Rainers, die er bereits nach 1950 begann, aber besonders in den 1980er Jahren in verschiedenen Abwandlungen und Kombinationen als anregende Form kombinierte und nicht religiös interpretiert. Auch ein "Winterabend (Kreuz)" oder ein "Verkreuztes Kreuz" sind dabei. Ab Ende der 1990er Jahre begann Rainer seine Schleierbilder, die fast dialektisch erscheinen neben den frühen Übermalungen. Sie können, frei auf leere Malgründe aufgetragen, komplexe Licht- und Farbräume kreieren, aber auch über Vorbilder aus der Kunstgeschichte gelegt werden - hier ein antiker Apoll, ein Marienkopf von Giotto und die Hände der "Mona Lisa". Ihre irisierende Transparenz führt zu einem hochästhetischen Schimmer, der bei allen Unterschieden an die Abstraktionen eines Gerhard Richter denken lässt, jedoch entwirft Rainer, anders als die monochrom tätigen Pierre Soulages oder Yves Klein, eine eigenwillige Variante, die sich keiner Strömung zuordnen lässt.

Mit rund 40 Arbeiten wird ein Bogen seiner wichtigsten Werkfolgen gespannt, der bis in die jüngste Gegenwart reicht. Denn Rainer führt sein meditatives Selbstgespräch weiter, nur die Aggression im Duktus nimmt merklich ab.