Keine berühmte Suppendose, solche "Milk Cans" haben die Amerikaner an KZ-Überlebende verteilt. Opus von Gil Yefman. - © Elad Sarig, Courtesy: Galerie Steinek
Keine berühmte Suppendose, solche "Milk Cans" haben die Amerikaner an KZ-Überlebende verteilt. Opus von Gil Yefman. - © Elad Sarig, Courtesy: Galerie Steinek

Die totale Gegenwart

(cai) 22 + 22 + 1 =? 45? Ja, oder "curated by". 22 Galerien, 22 Kuratoren (oder Kuratorenteams) und ein Thema. "Circulation" lautet es heuer. Da läuft auf jeden Fall etwas im Kreis, ist im Umlauf. Etwas? Alles! Waren, Daten . . .

Joerg Koch aus Berlin hat schlechte Nachrichten für die Besucher der Galerie Crone (und den Rest der Menschheit): "Wir bedauern, Ihnen mitteilen zu müssen, dass es keine Zukunft gibt. Es gibt auch keine Vergangenheit mehr." Na ja, wenigstens existiert das Jetzt noch. Aber das ist dafür flach: "The Big Flat Now." Nivellierte Hierarchien, im Internet ist alles verfügbar und das sofort. Die Welt ist eine viereckige Scheibe, auf der die dominante Spezies mit den Fingern herumwischt. Nicht, dass die Ausstellung niveaulos wäre. Bloß die Grenzen haben sich aufgelöst. Zwischen Kunst, Mode, Leben. Wie im Magazin "032c" des Kurators. (Und Sterling Rubys Abgüsse von Werkzeugen sind Accessoires bei einer Modenschau und Objekte.)

Dass seine Auseinandersetzung mit dem Warenverkehr plakativ ist (Reifenabdrücke auf Versandkartons), kann man dem Mike Meiré nicht einmal vorwerfen. Im Flach-Jetzt überlebt man halt nicht mit subtilen Gesten. Okay, Rosemarie Trockels gestricktes Spruchband in Mauerblümchen-Beige hält sich tapfer: "Cogito, ergo sum." Ich denke, also bin ich. Frauen können stricken und dabei philosophieren.

Trotzdem: Die Farben müssen knallen (wie in Jonathan Castros graffitibunten Grafikwelten), und ein Transgender muss den Penis rausholen (die Fotos hat Eli Russel Linnetz mit dem iPhone gemacht, der Ikone des "Big Flat Now"). He, der Nackerten von Thomas Lohr hätte man Trockels Spruchband als feministischen (Under-)Statement-Schal um den Hals wickeln können. Wie einer Schaufensterpuppe.

Hitler besucht den Kibbuz Buchenwald

(cai) Und noch einmal wird kuratiert ("curated by_Jürgen Tabor"). Diesmal mit viel Vergangenheit. Und mit der wird noch dazu sehr tabulos umgegangen. Schon der Ausstellungstitel ("Kibbutz Buchenwald") kommt einem höchst unanständig vor. ("Kibbuz" und "Konzentrationslager", das beginnt zwar beides mit einem K und hat irgendwo ein z, aber . . . na ja . . .) Vergleicht da etwa jemand ein KZ mit einer ländlichen Kommune in Israel? Nein, eigentlich eh nicht.

Vielmehr haben Überlebende des KZ Buchenwald ihre Wohngemeinschaft (zunächst auf deutschem Boden) so genannt. Und nach Protesten (später dann in Israel) den Namen wieder geändert. Gil Yefman, selber in einem Kibbuz geboren, zeigt nun in der Galerie Steinek, wie man den Holocaust auch verarbeiten kann. Scheinbar harmlos fängt’s an. Mit einer gehäkelten Hecke. Die sich freilich auf den gepflanzten Sichtschutz bezieht, der die Krematorien von Auschwitz "wegtarnen" sollte. Die Blätter hat der Künstler zusammen mit Holocaust-Überlebenden und Asylwerberinnen gehäkelt. Geschichte trifft sich im Handarbeitszirkel gruppentherapeutisch mit der Gegenwart. Echt gruselig: der filzige androgyne Klumpen aus wuchernden Körper- und Geschlechtsteilen, aus dessen leeren Augen Yefman auf der Vernissage herausgestarrt hat. Sexsklaverei im KZ-Bordell. Deftigst manifestieren sich in dieser vergewaltigten Anatomie Schmerz und Grauen.

Emotional kann man sich hier sowieso nirgends raushalten. Und dann wird einem auch noch ein Sitzplatz angeboten. Neben der "Sexpuppe". Oder dieser Hocker mit dem Stoffmuster "Massengrab". Den Film "Bad Renro and Penelope at Kibbutz Buchenwald" hab ich mir also im Stehen angeschaut. Mit dem Hitler-Lookalike Bad Renro (Alter Ego des Holocaust-Überlebenden Dov Or-Ner) stattet Yefman da dem KZ Buchenwald einen surrealen Besuch ab. Als schwarze Penelope, gekrönt mit einem riesigen Goldzahn. Goldzähne - wurden die in den KZs nicht fleißig rausgebrochen? Provokant, abstoßend und zugleich einfühlsam: Diese Kunst nimmt einen wirklich mit, wühlt auf.