Nach 27 Jahren wird der einzige österreichische Surrealist, Wolfgang Paalen, wieder mit einer Retrospektive ins Licht gerückt. Österreich hatte zwar seine späte Variante des Surrealismus, die "Wiener Schule des Phantastischen Realismus", aber der einzige klassische Surrealist aus der Gruppe André Bretons ging schon 1939 von Paris nach Mexiko, wohin ihn die Malerin Frida Kahlo eingeladen hatte. Er starb dort früh von eigener Hand, und wird in der Kunstgeschichte international immer noch an den Rand gerückt. Dabei war Paalen die Klammer zwischen den europäischen Surrealisten im Exil und den abstrakten Expressionisten in Amerika, was diese, vor allem Robert Motherwell, später verschwiegen haben.

Gemalte Gedanken

Davor schon bewegte er sich vom Kubismus und der Schweizer Bewegung "Abstraction Création" mit Hans Arp hin zu den Surrealisten und war nicht nur Maler, sondern auch Erfinder der "Fumage", 50 Jahre später genützt von Jiri Georg Dokoupil in Zeiten der "Neuen Wilden". Zudem war er Forscher, Schriftsteller und setzte sich kritisch mit Psychoanalyse, Anthropologie, Ethnologie, aber auch Quantenphysik auseinander. Seine intellektuelle Ausgangsposition führt Kurator Andreas Neufert nach jahrelangen Forschungen auf den "Wiener Kreis" und die Tradition von Ludwig Wittgenstein zurück, auch Otto Rank spielte eine Rolle in seinen gemalten Gedanken zu Geburtsmythen und formalen Übersetzungen geistiger Errungenschaften auf die Malerei.

Wolfgang Paalen: "Paysage totémique", 1938,
Wolfgang Paalen: "Paysage totémique", 1938,

Paalens Vater kam aus Tschechien, war Erfinder der Thermoskanne und erster moderner Staubsauger, später ging er nach Schlesien und nach 1918 versorgte er Rom mit Lebensmitteln. Stationen seines Sohnes als Künstler waren Berlin, wo er nicht an die Akademie aufgenommen wurde, ab 1925 Paris. Er nahm Privatunterricht an der Schule Hans Hofmanns und später Fernand Légers. Nachdem sein Vater in der Weltwirtschaftskrise alles verloren hatte, Mutter und Bruder starben, handelte Paalen wie seine Kollegen mit Masken aus Afrika und Antiken, er heiratete die Künstlerin Alice Philippot, die ihn später nicht nur mit Pablo Picasso betrog; eine Lebensfreundschaft verband ihn mit der Musikerin Eva Sulzer, die mit ihm von Alaska bis Neumexiko auf der Suche nach indigenen Spuren reiste. Seit 1935 Mitglied der Surrealisten, schuf er auch zwei fragile Schirmobjekte aus Badeschwämmen parallel zur bekannten "Pelztasse" Meret Oppenheims.

Wolfgang Paalen, "El Velorio", 1946. - © Belvedere, Wien
Wolfgang Paalen, "El Velorio", 1946. - © Belvedere, Wien

Mit und ohne Marcel Duchamp baute er fantastische Installationen für die Avantgardegalerien, davon ist eine von 1938 in der Schau rekonstruiert, wobei auch Tanz und Aktion erstmals eine Rolle spielten, 1945 folgte Peggy Guggenheims Galerie Art of this Century in New York. Paalen verwendete in Collagen Tierknochen, Nägel und Drahtverspannungen, was bald nach 1945 Germaine Richier und Günther Uecker übernehmen sollten. Seine Skulptur "Face" nach kykladischen Idolen kann es mit dem frühen Alberto Giacometti locker aufnehmen.

Große Skepsis bewahrte ihn vor blinder Gefolgschaft in politischen Fragen, als Trotzkist lehnte er Stalin ab und geriet auch über seine positive Auffassung zu Muttergottheiten und Totems mit der Misogynie Bretons in Konflikt. Er gab Zeitschriften heraus wie "Dyn", in der er die Spiegelung der Prähistorie in der Moderne zur Diskussion stellte, was für Jackson Pollock, Motherwell und Mark Rothko entscheidend war.

Die spannende Schau integriert Fotos von Sulzer, Artefakte aus dem Weltmuseum, Dokumente, Schriften und einen neuen Film über den Künstler. Sie verbinden Abstraktion und engelhafte Figurationen. Die Holzskulptur "Projekt für ein Monument" (1945) nimmt das Motiv der abstrahierten Maske auf, das sich neben Collage und Fumage durch das ganze Werk zieht.