Ein Mann und eine Frau reißen an einem Baby: Der gemalte "Obsorge"-Streit von Maria Lassnig ist Teil von "Family Matters", der neuen Themenausstellung im Dom Museum Wien. Eine Privatangelegenheit ist die Familie nur auf den ersten Blick: Konflikte im Kleinen weisen auf die Gesellschaft im Ganzen, und so hat Kuratorin Johanna Schwanberg die Schau kulturhistorisch und politisch ausgerichtet. Das Kapitel "Gesellschaft und Wandel" konfrontiert am Beginn Biedermeier und Gegenwart, Malerei und Keramik von damals mit digitalen Fotografien von Katharina Mayer. Dabei zeigen sich nicht nur Unterschiede: Selbst hinter starren Repräsentationsbildnissen von einst verbergen sich Patchworkfamilien, und selbst in biblischen Geschichten ging es nicht nur um eine Kernfamilie: Josef war nur der Ziehvater von Jesus, Hagar musste als Zweitfrau Ismael alleine aufziehen.

Latente Gewalt

Vor dem "bürgerlichen Zeitalter" wurden Familienbande allerdings anders betrachtet als heute: Gemeint war ein "Haus" mit Personen rund um ein männliches Oberhaupt, es gab Sippenverbände und herrschaftliche Dynastien. Der Begriff Familie etablierte sich in Holland im Barock, als sich die Hierarchien lockerten. Schon damals zeigte sich, dass es familiäre Bande auch jenseits der Verwandtschaft gibt.

Die Ausstellung verhandelt ein nur scheinbares Auslaufmodell: Familie bleibt auch in der Postmoderne wichtig, in einer Zeit rechtlicher Erweiterung auf gleichgeschlechtliche Partner und Adoptivkinder. Dabei hält sich die Schau bei den Schattenseiten des realen Familienlebens zurück: Gewalt wird kaum dargestellt. Eine Ausnahme bildet Nina Kovacheva, die drastisch Moritaten thematisiert, sowie ein Foto von Judith Samen, das womöglich eine Tötungsabsicht andeutet: Mit der einen Hand schneidet eine Frau Brot, während ihr über den anderen Arm ein Baby hängt wie ein Tier. Diese Küchenszene bleibt ambivalent, wie auch die mit Nadeln gespickten Personen, die in den Familienfoto-Collagen von Iris Legendre auftauchen, einer Neuentdeckung der Kuratorin.

Gegenüber legt ein venezianischer Edelmann der Renaissance seinem Sohn stolz den Arm auf die Schulter, der Bub berührt schutzsuchend den Rücken des Vaters: Domenico Robusti, Sohn des berühmten Jacopo Robusti alias Tintoretto, hat die Zärtlichkeit eines Vaters in den Vordergrund gerückt wie kaum ein anderer Maler. Eine heutige Entsprechung bildet im Kapitel "Erinnerungen und Träume" Neo Rauchs berührendes Porträt eines jungen Mannes, der einen älteren Herren in Kindergröße an sich drückt. "Vater" ist die malerische Hommage an den früh bei einem Zugsunglück Verstorbenen: eine sehnsüchtige Umkehr, in der das Kind den Toten malerisch ins Leben zurückholt.

Ein Netz an Bezügen

Ron Muecks hyperrealistisch verkleinerte Skulptur "Woman with Shopping" berührt anders, denn es geht um eine Frau mit leerem und mürrischem Blick, die ihr Baby am Körper unter dem Mantel trägt und zwei große Einkaufssäcke schleppt. Der schonungslose Alltagsblick in Sachen Familie veranlasste auch Valie Export, Carola Dertnig, Christian Eisenberger und Weronika Gesicka zu Werken, zum Großteil in neuen Medien. Neben Tragik und Trauma (etwa dem von Käthe Kollwitz über ihren im Ersten Weltkrieg gefallenen Sohn) gibt es aber auch Humor: Schon Carl Spitzweg degradierte den dicken Familienvater beim "Sonntagsspaziergang" 1841 zur Karikatur. Daneben lässt Franz Danhauser die Kinder des schlafenden Malers im Atelier auf die Leinwand los: die Unvereinbarkeit von Familie und Beruf einmal aus Sicht des Mannes. Heimito von Doderers Spruch "Wer sich in die Familie begibt, kommt darin um" hat die feministische Künstlerin Annegret Soltau 1989 als Selbstbildnis mit Kindern aus zerrissenen Fotografien gestaltet, die sie beiläufig vernäht.

Viele Ansätze, Fragen und keine didaktische Lenkung zur gültigen Antwort sind die Quintessenz dieser Ausstellung und einer Thematik, die uns alle angeht. Dabei wuchert ein spinnenhaftes Netz an Bezügen, wie es auch in einer Wandzeichnung von Iris Andraschek auftaucht. Stress, Erschöpfung, Krisen und Mütter, die ihre Macht genauso missbrauchen wie die Väter im Patriarchat, sind im Dom Museum neben Traumvisionen sehenswert versammelt.