- © Daniel Boczarski
© Daniel Boczarski

Spätestens nach der dritten Präsentation hat man es verstanden: Zu dem Zeitpunkt als Tony Karman, Präsident der Expo Chicago, und Stephanie Cristello, künstlerische Leiterin und Kuratorin, die Kunstmesse eröffnen, ist das Duo bereits bei zahlreichen Präsentationen und Vernissagen aufgetreten. Sei es bei der Eröffnung der Architekturbiennale, beim Empfang im Museum of Contemporary Art oder beim Frühstück im Art Institute of Chicago. Essenzieller Grundtenor der Ansprachen und Vorstellungen: allumfassende Kooperationen.

Seit sich Tony Karman vor mehr als acht Jahren in den Kopf gesetzt hat, dass "The Windy City" eine international ausgerichtete Kunstmesse benötigt, war es für ihn offensichtlich, das Konzept Kunstmesse umfangreicher zu definieren, als es Sammler und Kunstinteressierte gewohnt sind. Die Expo setzt nicht nur auf Kooperationen - national wie international -, sondern auch auf Sichtbarkeit rund ums Jahr. Die eigentliche Verkaufsplattform wird letztendlich zum Höhepunkt und Jahresabschluss.

Finanzstarke Region

Für das kommende Jahr plant das ambitionierte Duo Karman und Cristello etwa die Performance "The Let Go" von Nick Cave, eine Ausstellung mit dem Malmö Art Museum und die Art World Conference. Fast nebenbei publizieren sie das beispielhafte Kunstmagazin "The Seen". Nicht zu vergessen die Architekturbiennale, die heuer auf dem Programm steht und sich sehr gut mit der Expo ergänzt, was bei ortspezifischen, temporären Kunst-Architektur-Projekten zu sehen ist.

Nachdem Chicago zu einer der finanzstärksten Regionen weltweit gehört, zahlreiche Sammler und Mäzene hier leben, kann der Eindruck entstehen, die Etablierung einer Kunstmesse und Architekturbiennale sollte unkompliziert sein. "Es gibt hier bekannte und potente Sammler, aber die kaufen lieber bei Messen in New York, Miami oder Europa ein", erläutert der Künstler Assaf Evron Grundeinstellungen vor Ort. "Chicago hatte eine bedeutende Messe bis kurz nach der Jahrhundertwende, die mit dem Aufkommen der New Yorker Armory Show und der Art Basel in Miami relativ klanglos vom Kalender verschwunden ist." Der israelische Künstler Evron lebt und arbeitet seit mehr als acht Jahren in der Stadt und erlebt sie mit ihren Kulturinstitutionen und Initiativen als überaus offen, wenn es darum geht Kunstprojekte zu realisieren. Heuer konnte er, dessen Arbeit oft Architektur thematisiert, eine beeindruckende In-situ-Installation an einem von Mies van der Rohe designten Hochhaus, eine weiterführende Einzelpräsentation im Museum für Zeitgenössische Kunst und - gemeinsam mit der Künstlerin Saranoa Mark - ein erstaunliches Projekt im Rahmen der Expo realisieren. "Selbstverständlich stehen hinter der Realisation der Projekte oft langwierige Diskussionen, aber es ist für einen Künstler angenehm, wenn man bemerkt, wie einzelne Initiativen, Sponsoren und Institutionen interagieren", betont der Künstler im Gespräch mit der "Wiener Zeitung".

Das Ineinandergreifen einzelner Mitspieler vermittelt sich dem Besucher unmittelbar: Während der Eröffnungs- und Messewoche jagt eine Eröffnung, Präsentation oder Diskussion die andere. Allein für die sehr gut kuratierte, in die Tiefe gehende Ausstellung der Architekturbiennale im atemberaubenden Cultural Center Chicagos sollte der Besucher einen Tag einplanen.

Internationale Namen

Die diesjährige Ausgabe der Expo mit 135 Ausstellern kann auf große internationale Namen verweisen wie Continua, Zwirner, Hauser & Wirth, Matthew Marks, Luhring Augustine, Perrotin oder Ropac. Auf Sammlerinteresse stießen unter anderem die Installation "Amazing Grace" von Genevieve Gainard bei Moniquemeloche, eine große Leinwand von Marina Rheingantz bei Bortolami oder die Einzelpräsentation von Artur Lescher bei Nara Roesler.

Ob die Expo Chicago das tatsächliche Potenzial für eine anerkannte internationale Messeplattform hat, wird sich weisen. Der grundlegende Ansatz, auf Kooperationen zu setzen, scheint richtig. Es sind Kooperationen, die hier sogar so weit gehen, dass selbst im Impressum der zum ersten Mal organisierten Satellitenmesse Nada - also quasi Konkurrenz - die Expo als Unterstützer gelistet ist.