Der Untertitel des Ausstellungseinblicks ins barocke Rom lautet: "Entdeckung der Gefühle", und das gilt für Michelangelo Merisi da Caravaggio (1571-1610) genauso wie für Gian Lorenzo Bernini (1598-1680), der nach Caravggios Tod das barocke Pathos erfolgreich fortsetzte. Beide entfachten Sogwirkung und breite Nachfolge, weil sie die aus der Antike geschöpften Vorbilder wild tanzen ließen, in Malerei und Bildhauerei.

Damit lösten sie einen Wettstreit aus, in welchem Medium die theatralischen Affektfiguren besser wirken. Beide haben auch gemeinsam, was Johann Joachim Winckelmann das "freche Feuer der Modernen" nannte, aber ganz und gar nicht positiv meinte, denn sie waren für ihn respektlose "Kunstverderber", weil sie die Dauer im ästhetischen Ausdruck eines Kunstwerks nach klassisch-barockem Geschmack in eine performative "Acutezza" wandelten. Umso mehr werden sie und der Beginn des Barockstils in Rom im 20. Jahrhundert gefeiert.

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Naturalisten und Klassizisten

Das KHM besitzt einige Gemälde von Caravaggio, aber unter den 80 Werken der Schau sind, dank einer Kooperation mit dem Rijksmuseum in Amsterdam, ganz besondere Leihgaben. Die Wiener Kuratorin, Gudrun Swoboda, kann zudem mit der sensationellen Erstpräsentationen von vier Groteskenköpfen Berninis aus Privatbesitz aufwarten, die ehedem seine Kutsche zierten.

Bei den internationalen Leihgaben sind die "Medusa" von Bernini, sein Porträt des Kardinals Richelieu und sein "Sebastian", aber auch Caravaggios "Johannes der Täufer", "Knabe, von einer Eidechse gebissen" oder der selbstverliebte "Narziss" zu nennen.

Zum Naturalismus der Caravaggisten kommt die klassizistische Gegenstimme der Brüder Carracci und Guido Renis aus Bolognia, der in Rom lebende Nicolas Poussin und die Bildhauer Alessandro Algardi und Francesco Mochi. Mattia Preti, Valentine de Boulougne und Francesco Barbieri, genannt Guercino, verschmelzen die barocken Pole.

Damit wird das Umfeld der beiden Stars und die Nachfolge über die römische Accademia di San Luca und Italien hinaus beleuchtet, denn Caravaggio löste auch in Holland und Frankreich Enthusiasmus für seine Affektstudien in dramatischer Dunkelheit aus. Sein visionäres Nachstück "Der heilige Franziskus" wird mit Berninis "Die Ekstase der heiligen Teresa von Avila" und einer 2011 entdeckten "Maria Magdalena" Artemisia Gentileschis konfrontiert. Letztere ist die heute wichtigste Nachfolgerin und ein Leuchtturm feministischer Forschung über das 17. Jahrhundert. Sie teilt mit Caravaggio die Modernität durch eine Liebe zu Schock und Entsetzen; Themenkapitel wie das Staunen, die Liebe, bewegte Aktion, Leid und Mitleid, Vision und Scherz als Abschlusskapitel schließen sich an.