Sie wartet ab und trinkt aber trotzdem keinen Tee: "Earrings" von Julian Opie. - © Rudolf Strobl, Courtesy: Julian Opie und Krobath Wien
Sie wartet ab und trinkt aber trotzdem keinen Tee: "Earrings" von Julian Opie. - © Rudolf Strobl, Courtesy: Julian Opie und Krobath Wien

Auch Schatten verwittern

(cai) Farbe auf Leinwand (oder auf Papier) - also Malerei? Ja, mindestens. Weil was der Valentin Oman mit seinen Farben aufführt, die er verwendet und verwundet, das geht eindeutig darüber hinaus. Wenn er etwa Farbfetzen aufcollagiert. Von selber kommt man jedenfalls meistens eh nicht drauf, wie dieser experimentierfreudige Künstler, der 1935 in St. Stefan bei Villach geboren worden ist, seine vielschichtigen "Mischtechniken" herstellt. Rätseln (oder einfach nur gemütlich schauen) kann man derzeit in der Galerie Gans, die Menschliches und Landschaftliches des Kärntner Slowenen zeigt, der sich konsequent geweigert hat, in seinem Heimatbundesland auszustellen, solange Jörg Haider dort Landeshauptmann war.

Unermüdlich arbeitet er sich am Menschen ab. An welchem? An "dem" Menschen. Keinem bestimmten. Schemenhafte Gestalten, oft fragmentarisch, innerlich zerrissen, brüchig. Oder bloß eine hingekritzelte Kratzspur. "Ecce homo" (Sehet, welch ein Mensch) - heißen so nicht auch diese klassischen Andachtsbilder? Jesus als Schmerzensmann? Die strengen, schlanken Figuren von Omans Serie haben ja tatsächlich eine sakrale Aura. Verwitterte bunte Schatten wie erodierte Erinnerungen an alte Fresken. Gaze hat sich da mit Farbe vollgesogen wie mit Blut. Ein am Schmerz festgeklebter und dann brutal abgezogener Verband quasi. Oman hat übrigens in Tanzenberg die Klosterschule besucht und ist trotzdem nicht Pfarrer geworden. (Dafür hat er die dortige Kirche ausgestaltet.)

Fröhlicher kraxelt die Farbe in den Julischen Alpen herum. Oder eigentlich besteigt sie Fotos von den zerklüfteten Felswänden. Die Natur der Malerei amalgamiert mit der erhabenen Landschaft. Die Kunst, Spuren zu hinterlassen, beherrscht der Oman ziemlich gut.

Der Augenblick hat nicht viel Zeit

(cai) Von Michelangelos "David" ist bekanntlich auch die Rückseite sehr sehenswert. Die drei lebensgroßen Skulpturen von Julian Opie (bekleidete Körper, weiblich), die locker über die Galerie Krobath verteilt sind, besitzen so etwas freilich gar nicht - eine Rückseite.

Sondern? Was haben sie stattdessen da hinten? Ein zweites Vorne. (Okay, es ist seitenverkehrt.) Und ohne Hinten also kein Hint-ern. Na ja, die brauchen sowieso nix zum Draufsetzen. Wie Pappkameraden stehen sie herum. Oder wie Bronzekameradinnen. Schließlich hat man sie mit grafischer Schärfe aus Bronzeplatten geschnitten (Galerist Peter Krobath: "mit einem Wasserlaserschneiddings"). Und sie warten. Worauf? Auf das Ende der Ausstellung? Falsch. Darauf, dass es endlich grün wird. In der Galerie wird der Fußgängerverkehr mit einer Ampel geregelt? Nein. Aber in London. In seiner Heimatstadt hat Opie nämlich die Alltagshektik in einem Augenblick des Innehaltens fotografiert und den flüchtigen Moment später in einem beständigeren Material "verewigt". Nicht, dass die Figuren jetzt zeitlos wären. Die sind heutig angezogen und - hat die etwa ein Handy? Bei aller Reduktion auf prononcierte Konturen, auf wenige Linien und Flächen, trotz dieser starken Abstraktion wirken sie erstaunlich lebendig und "gut getroffen". Fehlende Physiognomie ist dabei kein Hindernis, eher ein realistisches Detail. Oder haben die Leute auf der Straße Gesichter? Selbst die "Porträts" kommen ohne aus. Suchen eh nicht den Blickkontakt mit dem Betrachter. Zeigen nur ihr Profil. Vorbeihuschende Fremde. Spritzlackiert wie Autos haben diese bunten Alu-Reliefs die klare, leicht fassliche Ästhetik von Piktogrammen. Oder Straßenschildern. Bloß dass Letztere in der Regel keine Ohrringerln tragen.

Vielseitig ist die Kunst des Briten auf jeden Fall. Während die drei Wartenden gleich zwei Vorderseiten haben, haben die Laufenden im letzten Raum zwar nicht einmal eine, dafür verfügen sie über zwei rechte respektive linke Seiten. Hängt davon ab, von welcher Seite man sie anschaut. Und anschauen tut man sie definitiv gern.