Die Hamburger Künstlerin Gisela Reschke entwickelt Buntpapier-Techniken weiter zu abstrakten Bildern. - © Reschke
Die Hamburger Künstlerin Gisela Reschke entwickelt Buntpapier-Techniken weiter zu abstrakten Bildern. - © Reschke

Buntpapier? - Das klingt ja nicht gerade aufregend.

Das ist das, was man im Handarbeitsunterricht selbst hergestellt hat und jetzt als Geschenkpapier im DM kauft.

Mit einem Wort: Was nicht Kinderkram ist, ist Kitsch.

Oder ist doch mehr dran?

Es ist. Die Werkschau von Gisela Reschke ist grandios! Doris Kloimstein, österreichische Schriftstellerin und Kulturvermittlerin, hat die Hamburger Buntpapiererin ins Stadtmuseum St. Pölten geholt, und das sogar unter Einsatz privater finanzieller Mittel. Eine Überzeugungstat, die sich gelohnt hat.

Im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" schildert Gisela Reschke die komplexen Herstellungsvorgänge vom mitunter selbst geschöpften Papier über die Farbmischung, bei der ein Tropfen zu viel oder zu wenig das Ergebnis verderben kann, bis hin zu den Unwägbarkeiten: Temperatur, Luftdruck oder leise Erschütterungen, die man im Alltagsleben nicht wahrnimmt, üben Einflüsse aus, wenn das Papier im Tunk- oder Tauchverfahren gefärbt wird. Weitere Möglichkeiten sind unter anderem Streichen, Tunken, Tauchen, Drucken, Prägen, Knittern, Abziehen, Quetschen, Besprühen und Betropfen. Wobei Gisela Reschke oft mehrere Verfahren miteinander kombiniert.

Gisela Reschke, 1942 im polnischen Zamość geboren, ist ausgebildete Kranken- und OP-Schwester. Ab 1980 bildet sie sich autodidaktisch aus, besucht in der Folge Kurse und Seminare und entwickelt in der Folge neue Methoden des Farbauftrags. Vielfach war der Lernprozess den Prinzipien von Versuch und Irrtum unterworfen. Im Gespräch zeigt sich Gisela Reschke überzeugt: Nur, wenn man über die verwendeten Materialien genau Bescheid weiß, lässt sich der Zufall, der eine große Rolle bei den Tauch- und Tropfverfahren spielt, kreativ beeinflussen.

So schafft Gisela Reschke eine grandiose Balance zwischen Kunst und Kunsthandwerk. Sie reflektiert alte Techniken, arbeitet mit barocken Modeln und Anspielungen auf die Wiener Werkstätte, Phantastischer Realismus und Art déco, Jugendstil und frühzeitliche magische Zeichensetzungen fließen ineinander. Das Ergebnis sind wunderbare Ornament-, Farb- und Formlandschaften, in denen sich der Betrachter verliert - sogar dann, wenn einen Moment lang ein Albtraum die Oberhand zu gewinnen scheint.

Ein Anwendungsgebiet sind Bucheinbände - wobei Gisela Reschke darauf Wert legt, dass der Umschlag in seiner Gesamtheit gestaltet und unabtrennbarer Bestandteil des Buchs ist. So hat sie zahlreiche Arbeiten etwa für die "Insel Bücherei" gemacht.

Doris Kloimstein zeigt in der fabelhaften Ausstellung zwar die Bücher, hängt die Papiere allerdings auch gerahmt, gleich abstrakten Bildern, an die Wand und sorgt für ein Aha-Erlebnis: Was seiner Bestimmung nach als angewandte Kunst gedacht sein mag, kann, gelöst vom Zweck, bestehen. Zeichen, Arabesken, Farbschlieren, bunte Höhungen der Papierstruktur - wer sich zum Schauen Zeit nimmt, taucht ein in fantastische Landschaften, in unterseeische Gefilde, in Welten voller bizarrer Gestalten: Bilder als Fermente für die Wucherungen der Phantasie.