Halbzeit: "Zentrales Licht." Im nächsten Bild des Triptychons von Rudolf Goessl ist die Sonne dann unten. - © Ernst Kainerstorfer
Halbzeit: "Zentrales Licht." Im nächsten Bild des Triptychons von Rudolf Goessl ist die Sonne dann unten. - © Ernst Kainerstorfer

Linien auf der Flucht

(cai) Sie ist unnatürlich, aber wir brauchen sie eben. Und außerdem ist sie sehr praktisch: die gerade Linie. Die meiste Zeit halten wir uns bekanntlich in einer Welt aus Ecken und Kanten und rechten Winkeln auf, obwohl die Erde rund ist. Also in irgendeinem menschengemachten Raum. In der Galerie Lindner zum Beispiel.

Anna-Maria Bogner greift für ihre präzisen Zeichnungen ebenfalls fleißig zum Lineal (okay, und zum Zirkel), wenn sie ihre Räume penibel konstruiert. Und das Papier, auf dem sie das tut, ist ja im Übrigen auch eckig. Ausgangspunkt oder eher Ausgangsraum (ein Punkt ist schließlich nulldimensional) ist meist der zentralperspektivische. Manchmal sind’s gleich vier davon auf einmal: drei nebeneinander, und ein vierter legt sich über sie alle drüber. Und dann nehmen sich kräftige, tiefschwarze Linien die Freiheiten heraus, die ihnen dieses strenge System zugesteht (und vielleicht ein paar mehr). Sie erkunden, reagieren, irritieren. Und sie dynamisieren die starre Symmetrie durch markante Verschiebungen und Spiegelungen. Brechen aus der Zentralperspektive aus. Werden wir hier also womöglich Zeuge eines Gefängnisausbruchs? Esther Stocker, die in ihrer eigenen Kunst selber ständig gegen Raster aufbegehrt, hat in ihrer Eröffnungsrede von einer Revolte gesprochen. Der Linien gegen den Raum. Und die verlassen sogar das flache Blatt. Spannen sich so in den realen Galerieraum, dass man gezwungen ist, sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Sich ducken muss, nämlich unter diesem Elastikband hindurch, das auf der Wand etwas zeichnet (ein Echo auf eine Papierarbeit) und dabei keine Rücksicht auf die Türöffnung nimmt. Wer keine Demut vor der Linie zeigt, den lässt sie keinen Schritt weiter. Aber eigentlich tut sie eh nix. Sie will nur spielen.

Die Luft zwischen den Dingen

(cai) Nachträglich alles Gute zum 90. Geburtstag, Rudolf Goessl! Muss ich ihm dann eigentlich übernächstes Jahr noch einmal zum Neunziger gratulieren? In der Publikation, die die Galerie Jünger, damals noch in Baden bei Wien, 2011 (!) anlässlich seines 80. (!) Geburtstages herausgebracht hat ("Die Fülle der Stille"), ist sein Geburtsjahr jedenfalls 1931.

Sein wahres (1929) hat er nämlich geändert (aber offenbar eh wieder zurückdatiert). Nicht, weil er was gegen den Arnulf Rainer gehabt hätte und deshalb nicht im selben Jahr geboren hätte sein wollen wie dieser. Sondern weil er gegen den "informellen" Strom geschwommen ist und sich bloß von der Gruppe rund um die Galerie nächst St. Stephan abgrenzen wollte. Von der "Generation 29". Nach einem Trip in die USA in den 1960ern hat er sich halt mehr der dortigen Farbfeldmalerei verbunden gefühlt. Die war spiritueller. Die Schwimmrichtung hat er konsequent beibehalten, und die Galerie Jünger (mittlerweile in Wien) zeigt nun zum runden Geburtstag dieses Einzelgängers (oder Einzelschwimmers) Ruhiges, Kontemplatives aus den letzten Jahren: "Hellsicht." Der gebürtige Waldviertler ist ja tatsächlich zum "Hellseher" geworden. Mit lichter, geradezu "erheiterter" Palette. Die Leinwand scheint er oft einfach wegzumalen, aufzulösen in einen Dunst aus "vergeistigter" Farbe. Er malt quasi die Luft zwischen den Dingen. (Gegenstände gibt’s in der abstrakten Kunst doch keine.) Verdichtet zarte Nuancen meisterhaft zu einer vibrierenden Atmosphäre. Okay, man hat landschaftliche Assoziationen, wenn vage Formen aus einer diffusen Tiefe auftauchen. Wenn dem Nebel ein kosmisches Licht aufgeht, ein gelber Fleck wie eine Erinnerung aus Ministrantentagen aufflackert, als die Kirchenfenster das Sonnenlicht in was Mystisches verwandelt haben. Nein, Tschuldigung: Das Licht geht in dem Triptychon unter: "Sonne oben - Zentrales Licht - Sonne unten." Ab und zu Markierungen als Orientierungshilfe. Damit sich der Blick im unscharfen Niemandsland zwischen der Außen- und Innenwelt nicht völlig verliert. Und das Selbstporträt ist natürlich introvertiert. Gesichtslos. Eine Malerei des Erahnens eben.