(cai) "Who’s Afraid of Red, Yellow and Blue?" (Wer hat Angst vor Rot, Gelb und Blau?), hat Barnett Newman in den 1960ern gefragt. Der war halt ein Maler. In der Ära der Displays braucht sich aber zumindest vorm Gelb keiner mehr zu fürchten. Im RGB-Farbraum ist es längst durchs Grün als Primärfarbe ersetzt worden. (Nicht, dass die Malerei inzwischen tot wäre.) Drum hat der Günther Selichar die Frage umformuliert: "Who’s Afraid of Blue, Red and Green?" Seine konsequente Beschäftigung mit den Apparaturen und Technologien hinter den medialen Bildern zeigt jetzt die artmark galerie in der Schau "Observing Systems".

Bianca Regl lässt ihren Blick über die Leinwand schweifen ("Gaze"). - © Galerie Gerersdorfer
Bianca Regl lässt ihren Blick über die Leinwand schweifen ("Gaze"). - © Galerie Gerersdorfer

Hochaufgelöste Aufnahmen mit der digitalen Großformatkamera von Bildschirmen, auf denen nur die blauen, roten oder grünen Pixel leuchten. Oder Selichar füllt pures Pigment, farblich sortiert, in Stegdoppelplatten in den klassischen Bildformaten 4:3, 16:9 und Cinemascope. Und wenn man das Pulver mit einem Bindemittel streichfähig macht? "Könnte man wahrscheinlich hunderte Bilder damit malen." Doch nicht sämtliche Farben zusammenmischen - ohne Gelb. Hochwertigste Technik ("Besser kammas ned fotografieren!") und Extremvergrößerungen eröffnen nie gesehene Welten. Nämlich die hinterm Monitorglas. Dokumentarfotos werden durch ihren übertriebenen Fotorealismus zu abstrakter Kunst. Und dann haben auch noch Scanner Bürosex: Die zwei scannen sich gegenseitig.

Mit den Fotogrammen von Günther Selichar und seiner Frau Loredana geht’s schließlich back to the roots: "500 Fotogramm." Nein, am Ende fehlt kein e. "Ma sieht da a halbes Kilo Fotografie." Auf den Punkt gebracht. (Wenn ein 500-Gramm-Messinggewicht einen einsamen hellen "Stern" erzeugt.) Oder auf 500 Punkte. Von je einem Gramm. Genial simpel wie vieles hier.

artmark galerie

(Singerstraße 17)

Günther Selichar

Bis 16. November, Do., Fr., Sa.: 11 - 18 Uhr

Schauen ist Handarbeit

(cai) "Es hat mit Empowerment zu tun", erklärt sie. Ermächtigung, nicht Machtübernahme. Sie hat also eh nicht vor, ein Matriarchat herbeizumalen, die Bianca Regl. Könnte sie das überhaupt - die Frauen an die Macht malen? (Auch wenn die gebürtige Linzerin, die in Peking und Wien lebt, eine sehr überzeugende Malerin ist.)

Die Frauen auf ihren imposanten Bildern legen die Hände jedenfalls nicht passiv in den Schoß. Sie hat ihnen nämlich etwas in ebendiese gedrückt. Natürlich keine Strick- oder sonstigen Nadeln fürs berüchtigte Handarbeiten, diese traditionelle Beschäftigungstherapie für weibliche Greiforgane. (Das wären ja eher Insignien der Ohnmacht als der Frauenpower.) Sondern Gesten. Abstrakte, selbstbewusste. Beziehungsweise macht die Künstlerin mit dem Pinsel "und mit viel Adrenalin" (Regl) eine schwungvolle Handbewegung. Die malende Hand schlägt der gemalten eine Richtung vor. Und Malen ist sowieso eine Hand-lung. Selbst der Blick ist Handarbeit. In ihren Selbstporträts wischt die Malerin über ihre Augen drüber, als wäre das ein Handy-Display. Und wieso tragen die Powerfrauen Unterwäsche und keine Businesskostüme? Na ja, warum sollen sie sich denn "kostümieren"? Die männlichen Modelle haben auch nicht mehr an. Die werden in der Galerie Gerersdorfer halt nur nicht gezeigt. Außerdem können sie über der Unterwäsche jetzt alles anziehen. Und sie dürfen alles sein. Sogar sexy. Die Malerei, die auf einen geheimnisvollen Grundton zwischen Rot und Blau gestimmt ist (also: Violett), ist selber sinnlich. Grobe Striche, feinere Schattierungen und das Licht verdichten sich lebendig zu Körpern. Und der dunkle Hintergrund spielt mit.

He Wei, der übrigens mit Bianca Regl verheiratet ist, befriedigt die Schaulust ebenfalls auf allerhöchstem Niveau. Der Farbe lässt er zuerst ihren Willen oder schiebt sie gar mit Wellpappe herum, um die Komposition dann mit dem feinsten Pinsel konzentriert und präzise zu verfestigen. Freiheit und Kontrolle, amorphes Fließen und ordnende Geometrie verschmelzen zu delikaten Farblandschaften und -räumen. Auch der Zufall hat seine Spuren hinterlassen: Einmal ist der Labrador durch die noch feuchten Gefilde gelaufen. Zwei, die echt was können. Oder drei? (Mit dem Hund.) Wau.

Galerie Gerersdorfer

(Währinger Straße 12)

Bianca Regl und He Wei

Bis 16. November, Do., Fr., Sa.: 11 - 20 Uhr