"Time Is Thirsty" ist die Abschiedsausstellung von Kurator Luca Lo Pinto für die Kunsthalle, denn er wird Direktor des Museums für Gegenwartskunst (Macro) in Rom, woher er auch vor sechs Jahren nach Wien kam und nebst Gründung des Magazins "Nero" als freier Kurator tätig war. Vor seinem Loop zurück nach Italien bekommen wir eine Zeitreise geschenkt in die 1990er Jahre, aktualisiert mit heutigen Positionen, zusammen sind es 34 künstlerische Werke oder Statements, die zum Teil auch in den Außenraum auf Plakatflächen wandern wie der Spruch "Es ist nur eine Frage der Zeit" (in gotischer Schrift weiß auf schwarz ein Verweis auf Deutschland) des 1996 verstorbenen Kubaners Felix Gonzales-Torres. Es war ein weltweites Billboard-Projekt von 1992. On Kawaras Datumsbilder werden in einem Duett von Xavier Aballí auf einer zweiten Leinwand um die 1937 Tage seit dem Tod des Künstlers erweitert. Maurizio Cattelan, der damals zum Superstar aufstieg, war Teil der Schau "Tattoo Collection" 1991, die durch bekannte Galerien in Köln, Paris und New York tourte. Dort konnten eingereichte Künstlervorschläge auf Konzeptpapier erworben und auf den Körper tätowiert werden, auch Gavin Turk war am Projekt beteiligt.

Geruch nach Mottenkugeln

Neben den historischen Arbeiten und dem Grundkonzept, Ausstellung und Raum zum Medium zu erklären, gibt es atmosphärische Elemente wie den Geruch, eingebracht von der norwegischen Geruchsforscherin Sissel Tolaas, angeblich eine Nachempfindung aus Wien 1992. Die Mischung ist wohl für alle Besucher anders: Rauch, Menthol, Tannenwald und etwas Mottenkugel sind etwas aufdringlich und doch ephemer, zudem ist die sich ständig verändernde Beleuchtung und die von Peter Rehberg (britisches Independent Label Mego) und dem italienischen Elektronische-Musik-Duo Vipra konzipierte Playlist auch nicht nur Genuss, aber wäre sonst wohl kaum zu bemerken. Zeitungsmeldungen aus den 1990ern, nicht über damals brandaktuelle Probleme wie Aids oder das Ende des Kalten Krieges, sondern über Rassen-Riots, Kämpfe gegen Migranten oder Hippiesiedlungen in den USA, finden sich an den Wänden. Jason Doge hat Gläser im ganzen Ausstellungsraum verteilt, die zuweilen halb gefüllt sind mit einer gelben Flüssigkeit und umringt von toten Bienenkörpern. Noch ein Gefühl der Be- oder Entfremdung, das den Künstler nach einem Vortrag 1992 befiel. Auch disparate Körperfragen sollen wohl ins Heute wirken, so durch Lutz Bachers Jeansskulptur und die sich damals multikulturell verbreitende Alltags-Sports-Bekleidung, die Willem de Rooij mit Designerin Carla Maria Fong Leng zentral auf Ankleidepuppen platziert.

Georgia Sagri erhebt den Raum zur Seitenwunde Christi, ihre Laserdrucke auf Beton sind Ein-Meter-Prints aufklaffender Verletzungen, sie waren für eine Soloschau in New York und sollen uns zu mehr Achtsamkeit füreinander aufrufen. Dabei sind sie über allen Kunstwerken angebracht wie die Bedeutungsproportion im Mittelalter für göttliche Figuren.

Kühles Glitzern

Insgesamt herrscht Unbehagen und war die Konzeptschiene der 1990er tatsächlich eine, die sich durch besondere Sprödigkeit und etwas kühles Glitzern auszeichnete - so hier am Boden mit optimaler Wirkung des minimalen Farbeinwurfs aus "Blue Glitter" von Ann Veronica Janssens exemplifiziert. Der Titel des Artikels stammt von Ona B., einer der Künstlerinnen des in den 1990ern kunstpolitisch tätigen Kollektivs "Die Damen". Sie erwähnte ihn vor Ort, wo nach längerer Suche auffindbar, die kleine Schwarzweiß-Postkarte an eine feministische Parodie-Aktion gegen den damaligen Bundeskurator unter Kunstminister Rudolf Scholten, Robert Fleck, erinnert. Wien und Berlin konnten sich damals auf einen Kunstaustausch nicht einigen, da Kaspar König die Wiener Auswahl als lau kritisierte - den "Bauchfleck" erhoben die Damen zur Werbung für das Fleckenputzmittel K2R mit schwarzen Flecken auf ihren blütenweißen Hemden. Für die Versöhnung von allem Spröden fehlt hier leider die Rückseite der Postkarte, einer Edition mit Foto und Schrift. Ein Dank an Ona, Evelyne Egerer, und posthum auch an Birgit Jürgenssen und Ingeborg Strobl für diesen Lichtblick.