Selbstporträt mit Hut. - © Leonard Cohen Family Trust
Selbstporträt mit Hut. - © Leonard Cohen Family Trust

Im Kunstforeningen GL Strand eröffnet mit Jon Rafmans "Legendary Reality" jene Arbeit, die von ihrem Quellmaterial am weitesten entfernt ist. Die verwaschene Nachtreise durch ein fiktives Metropolis mit Sci-Fi-Einschlag und desperater Erzählstimme scheint nur mit lose eingestreuten Songtextfragmenten Bezug zum Schaffen Cohens zu nehmen, der im Nebenraum mit der Projektion von 200 Selbstporträts gleich einmal direkt zu uns spricht - noch ehe wir seine in der Ausstellung omnipräsente Götterstimme gehört haben werden.

Die Zeichnungen zeugen, wie zuletzt schon in "The Flame", zwar einerseits von Selbstkritik am Rande zur Selbstvernichtung ("If there were no paintings in the world / Mine would be very important / Same with my songs"), passend zu den gegebenen humorvollen Facetten der Ausstellung (etwa auch in Kota Ezawas Animation "21" auf den Spuren des Dadaisten Hans Richter) aber auch von Witz. Ein Selbstporträt mit dem Titel "Stop Staring At Me" hat schon etwas, vor allem in einem Museum.

"The Poetry Machine". - © Rauschal
"The Poetry Machine". - © Rauschal

Noch unmittelbarer wird es an der "Poetry Machine" von Janet Cardiff und George Bures Miller, einer adaptierten Wurlitzer-Orgel mit Lautsprecherboxen und Grammofontrichter als Mixed-Media-Installation auf einem Orientteppich. Auf Tastendruck des Besuchers beginnt Leonard Cohen die Lesung aus seinem "Book Of Longing", wobei man nicht erst den in "Hallelujah" besungenen "Secret Chord" finden muss, um an den Gedichten aus der Zeit des Songwriters als Zen-Mönch Gefallen zu finden. Interaktiv auch der Beitrag des Designstudios Daily tous les jours, das dazu animiert, sich ein Mikrofon zu angeln und mit einem algorithmusbasierten Netzchor aus Cohen-Aposteln gemeinsam zu summen. Plastisch und plakativ zwischen dem Profunden und dem Profanen hingegen ein Readymade der US-Künstlerin Taryn Simon: die Titelseite der "New York Times", die den Tod Leonard Cohens verkündet und Donald Trump am Vorabend seiner Wahl zum US-Präsidenten zeigt. Ari Folmans "Depression Chamber", in der man sich aufgebahrt und selbst an die Decke projiziert zu in Symbole zersplitternden Songtexten dabei beobachtet, wie man "Famous Blue Raincoat" hört, deprimiert vergleichsweise wenig.

Lobgesang auf die Fankultur

Kara Blakes archivbasierte Fünf-Kanal-Videoarbeit "The Offering" wiederum präsentiert Cohen bei zahlreichen Interviews, in denen man etwa erfährt, dass sein erstes Gedicht im Alter von neun Jahren nach dem Tod seines Vaters entstand, im Anschluss aber freiwillig im Garten vergraben wurde. Es geht um sein Selbstverständnis als Künstler (Leonard Cohen hat überarbeitet und verworfen; die Genese seines Songs "Anthem", auf den auch der Ausstellungstitel zurückgeht, nahm ein Jahrzehnt in Anspruch) und Mensch (man sieht Leonard Cohen beim Schön- und beim ganz schön Bescheidensein).

Während eine ganze Welt aus dem Archiv wiederaufersteht, die es so nicht mehr gibt - heute unvorstellbar, aber damals wurde außer im Fernseh- und Aufnahmestudio, im Hotel, daheim in der Küche oder im Tourbus auch noch im Flugzeug geraucht! -, definiert Leonard Cohen sein ureigenes Ideal von Poesie nachdrücklich mit "Einmal Feuer, bitte!".

Selbstporträt des Meisters als Künstler und Mensch: Leonard Cohen in Kara Blakes "The Offering". - © Guy L'Heureux
Selbstporträt des Meisters als Künstler und Mensch: Leonard Cohen in Kara Blakes "The Offering". - © Guy L'Heureux