Hält still: "Pierre 2" von Bruno Walpoth. - © Walpoth/Egon Dejori
Hält still: "Pierre 2" von Bruno Walpoth. - © Walpoth/Egon Dejori

Sind Narzissten

gesichtsblind?

(cai) Die neueste Technologie ist es ja nicht (eh nicht), aber es funktioniert nach wie vor, dieses analoge Gerät zur Anfertigung von Selbstporträts (Neudeutsch: von Selfies) - der Spiegel. Okay, er hat kein Gedächtnis. Die Bilder werden also in keiner Cloud gespeichert.

Dass wir im Zeitalter des Narzissmus leben, ist in der Galerie Hilger derzeit unübersehbar. Überall begegnet man sich selbst. Fast könnte man einen Verfolgungswahn kriegen. Man schaut sich die Porträtikone eines Superstars an, von Elvis, Madonna, Andy Warhol, und blickt doch wieder nur ins eigene Gesicht. Weil Daniele Buetti die komplette berühmte Physiognomie, nein, nicht entfernt hat, alles ist noch da, er hat sie vielmehr in Streifen geschnitten und zur Seite geschoben. Wie einen Vorhang. Und den Spiegel dahinter freigelegt. He, der Robert De Niro fehlt! Der Titel der Serie ("are you talking to me?") stammt nämlich eindeutig von ihm. Beziehungsweise hat er den Satz in "Taxi Driver" gesagt. Bei einem Selbstgespräch. Einem Dialog mit seinem Spiegelbild. Wer zieht schneller: ich oder ich? Ob’s da um Identität geht? Dass Prominente Identifikationsfiguren sind? Und sonst kann man die Arbeiten immer noch als Spiegel verwenden. (Praktisch.)

Buetti schafft es, durch markante, irritierende Eingriffe ins mediale Bildmaterial existenzielle Fragen zu provozieren. Sabotiert die perfekte Oberfläche. Etwa wenn er den Models mit dem Kuli Markennamen eintätowiert, sie brutal "markiert". Die Marke als Lebensabschnittspartner? Und in den Leuchtkästen werden die menschlichen "Kleiderpuppen" tiefsinnig. Kate Moss will wissen, ob sie die Ursache des Universums ist: "Am I the cause of the universe?" Zuerst hab ich ja "curse" gelesen (Fluch). Hätte auch irgendwie gepasst.

Galerie Ernst Hilger

(Dorotheergasse 5)

Daniele Buetti: "Are you talking to me?", bis 16. November

Di. - Fr.: 11 - 18 Uhr

Sa.: 11 - 16 Uhr

Das leiseste

Geräusch - die Stille

(cai) Refugium - laut Online-Duden ist das ein "sicherer Ort, an dem jemand seine Zuflucht findet, an den er sich zurückziehen kann, um ungestört zu sein". An der Tür der Galerie Straihammer und Seidenschwann hängt aber trotzdem kein "Bitte, nicht stören!"-Schild. Nach diesem "Unterschlupf eines Individuums" mit acht Buchstaben nennen jetzt jedenfalls zwei Individuen (ein Bildhauer und ein Maler) ihre gemeinsame Ausstellung, in der sie zeigen, was sie in ihrem jeweiligen Refugium, ihrem Atelier, geschaffen haben.