Ein Größenvergleich lässt keinen Zweifel aufkommen: Afrika könnte 1575 Niederösterreichs in seiner Landkarte verschwinden lassen. Doch es gibt politische wie künstlerische Bande, die der Ausstellung "Somewhere in the World" im Frohner Forum genügend Inhalte geben. Den Titel, "Somewhere in the World", gibt das Video von Pélagie Gdaguidis Video, das die aus dem Senegal gebürtige und in Paris lebende Künstlerin aufgenommen hat, um Vorurteile mit Fröhlichkeit wegzufegen. Sie wirft einen ironischen postkolonialen Blick auf eine Musikkapelle, die sich mit Masken aus allen Kulturkreisen, dabei Naturgeister neben dem heiligen Nikolaus samt Krampus, exotischen Klischees entzieht.

Kulturelle Codes interessieren auch Helena Eribenne, Preisträgerin des NÖ-Preises für Performance 2019. Sie verhandelt neben Flüchtlingsschicksalen eine weitere brisante Problematik 2012 an der österreichisch-tschechischen Grenze: die dortige Prostitution. Als Artist in Residence in Krems holte sie sich diese Grenzgeschichte vor die Kamera. Der Begriff "Glokalisierung" taucht in postkolonialer Sicht immer wieder auf. Ihm stellte sich schon 1960 Susanne Wenger, die nach Nigeria ging, um Kultur und Religion der Yoruba intensiv zu studieren. Was vor Ort in Oshogbo durch die Kolonialisierung an Schreinen der Naturreligion kaputtgegangen war, baute sie in 60 Jahren Arbeit mit einheimischen Künstlern wieder auf: Der heilige Wald wurden 2005 zum Unesco Weltkulturerbe erhoben.

Yusimi Moya Rodriguez und Christian Martinek schlagen in "Points of Passage" eine Brücke zwischen Niederösterreich und Afrika. - © Forum Frohner
Yusimi Moya Rodriguez und Christian Martinek schlagen in "Points of Passage" eine Brücke zwischen Niederösterreich und Afrika. - © Forum Frohner

Uganda in Niederösterreich

Wengers Werk wird von Wolfgang Denk, Magdalena Frey und Moussa Kone künstlerisch über die Jahre kommentiert und nach Europa zurückvermittelt mit Filmen, Malerei und Fotografie. Es sind zeitgenössische Neuinterpretationen der Pionierleistung. Schon bald nach Wenger sind die Holzbildhauer Oswald Stimm und Peter Weiss an die Kunstakademie in Kinshasa in den 1970er Jahren berufen worden. Auch sie haben in ihrer Lehre die Surrealismus und Informel mit der afrikanischen Kunst verbunden. Dazu passt der afrikanische Künstler Cheikh Niass aus Senegal, der in Tulln lebt. Nach Studien in Dakar und an der Wiener Akademie war er Beiträger der Documenta 11 von 2002. Er zeigt in Krems Collagen aus afrikanischem Fundmaterial wie "Mandela" von 1996.

Zentral erinnert das fotografisch dokumentierte Land-Art-Projekt von Wolfgang Krebs mit Erde aus Uganda zu Füßen des Künstlers an eine unglaubliche politische Verbindung. "Achtung, Sie betreten afrikanischen Boden. Ein Quadratmeter Erde aus Uganda" geht zurück auf die Zeit des späteren Staatspräsidenten Yoweri Museveni im Exil in Unterolberndorf. Im dortigen Wirtshaus "Zum Grünen Jäger" wurde 1985 die Verfassung für ein befreites Uganda geplant, 1994 kam der Präsident Ugandas auf einen Kurzbesuch zurück.

An den zuvor so unkorrekten Exotismus Europas gegenüber dem "dunklen Kontinent" wird in Fotos und Filmen Lisl Pongers erinnert. Dabei ist hier der Protagonist Angelo Soliman, den man als konvertierten Christen und Kaiserberater ausstopfen ließ. In Tim Sharps Film "Mo’s Birthday" vereinen sich das Mozartjahr 2006 mit dem Geburtstag Mohammeds im nächtlichen Dakar. Während eines Stromausfalls mischen sich die Trommeln zu Ehren des Religionsgründers mit Klängen von Mozarts Adagio für Glasharfe. Karg aufleuchtende Momente der Sichtbarkeit durch Autoscheinwerfer lässt in dieser poetischen Re-Lektüre die zwei "Mos" in Vielfalt musikalischer Stile im Dunkel verschmelzen. Alle ehemaligen Orientalismen fahren auch im Tanz der Afrokubanerin Yusumi Moya Rodriguez dahin vor den barock-exotischen Fresken Johann Wenzel Bergls im nahen Stift Melk: "Points of Passage", die das Wegenetz zwischen Afrika, Südamerika, Asien und Europa mit Musik von Christian Martinek neu verspannen.