Souvenir aus der Innenstadt: Nine Buildings, Stripped (Stock im Eisen). - © Jorit Aust
Souvenir aus der Innenstadt: Nine Buildings, Stripped (Stock im Eisen). - © Jorit Aust

Schon in der Passage unter dem Karlsplatz empfängt einen ein Materialpaket zu der Ausstellung "Nine Buildings, Stripped" von Andreas Fogarasi im Glaspavillon der Kunsthalle: Umreifungsbänder aus Stahl lassen das schwere Objekt aus verschiedenen alten und neuen Fassadenteilen leicht und wie ein geometrisches Relief wirken, das zu einem Geschenk verschnürt ist.

Die im Ausstellungstitel erwähnten neun Bauten, deren Striptease der Wiener Künstler zumeist an der Wand präsentiert wie Bildreliefs, beziehen sich auf Wien; das zehnte zeigt ein schweres Fenster mit gelbgoldenem Glas vom Palast der Republik in Berlin und darüber gebunden sehr dünne graubeige Sandsteinblöcke, die an der Fassade des an gleicher Stelle errichteten neuen Humboldt Forums durch den Architekten Franco Stella verwendet wurden.

Hier beginnt die politisch-kritische Dimension von Fogarasis künstlerischer Dokumentation und Montage zu wirken, nach ersten formalen Eindrücken und Erinnerungseffekten, die das Material von Wänden und Boden des alten Südbahnhofs in Wien auslösen. Die Transformationen durch ständige Umbauten und Abbrüche in einer Stadt erlauben nicht nur einen Blick zurück, sie eröffnen auch soziologische und kulturelle Fragen. Denn einem heutigen Geschmack entsprechen die braune Färbung von Glas und eloxierten Aluminium-Paneelen, wie sie 1978 am "Schandfleck" Sozialversicherungsgebäude verwendet wurden, das 1978 neben das Haus Wittgenstein platziert wurde, genauso wenig wie die rosabraunen Granitplatten im Inneren. Unser Zeitgeschmack: Grau und Beige dominiert, zwar meist gut wärmegedämmt, aber sonst kostengünstig dünn, wenn Fassaden aktuell sein müssen. Auch Wilhelm Holzbauers grünliche Bepflasterung des Stephansplatzes wurde 2007/09 von Clemens Kirsch durch Grauabstufungen neuer Granitplatten ersetzt.

Andreas Fogarasi reflektiert die Stadt in seinen Objekten. - © Jorit Aust
Andreas Fogarasi reflektiert die Stadt in seinen Objekten. - © Jorit Aust

An Heinrich Hrdlička, den Architekten des Südbahnhofes, erinnert nur noch Wojciech Czaja in seinem Text der Broschüre, aber die rosa Marmorplatten und Terrazzoböden, über die Jan Tabor 2009 noch schnell ein Loblied sang, bevor der Bahnhof dem Erste Campus von Henke Schreieck Architekten und Albert Wimmers Hauptbahnhof weichen musste, sind nach wie vor präsent. Das Rinterzelt sahen wir vor kurzem durch Sprengung fallen, damit ist ein Wahrzeichen Transdanubiens mit dem liebevollen Spitznamen "Vesuv von Kagran" auch dahin.

Hunderte Bauten weichen

Fogarasi hat vielseitig Beteiligte an diesem Projekt, die alte Teile auf Halden sichten wie im Fall der Verbindungsröhre des ersten Kunsthallencontainers, hinzu kommen Abbruch- und Baufirmen, Eigentümer, Denkmalschutz und Sammler. Er versucht uns mit den Materialpaketen nur vor Augen zu führen, dass bis an die 300 alte Gebäude pro Jahr in dieser Stadt abgerissen oder umgebaut werden.

Die Idee zur speziellen Dokumentation, statt sonst mit Film und Fotografie, kam mit dem Umbau des Baukomplexes der Sozialversicherungsanstalt der gewerblichen Wirtschaft in Wieden, nahe seiner Wohnung. Dabei interessierte ihn auch die Nazivergangenheit des Architekten Carl Appel, der im Nachkriegswien der moderaten Moderne auch das zweite Haas-Haus und das Hotel Intercontinental erbauen konnte. Massive wie geknickte Aluminiumkassetten setzte dieser ein - die neuen sind dünner, fragiler, aber wesentlich sparsamer.