Gemäß den Statuten des Leopold Museums werden andere Privatsammlungen eingeladen, um als Gegenüberstellung und Ergänzung wesentliche Segmente vorübergehend zu erweitern. Rudolf Leopold sammelte Expressionismus über Österreich hinaus, deshalb ergänzen Hauptwerke von Wilhelm Lehmbruck oder Lovis Corinth nun auch den Einblick in zwei sehr spezielle Sammlungen aus Lugano und Düsseldorf zum deutschen Expressionismus; dazu kommen einige Werke aus der Emil Nolde-Stiftung Seebüll und Leihgaben aus der privaten Sammlung Leopold II. So empfängt im Atrium Wilhelm Lehmbrucks "Kniende" als Signet-Skulptur, die Schau selbst bleibt auf Malerei und Zeichnung konzentriert.

Aufbrüche

Zum Auftakt wird die revolutionäre Abweichung der Expressionisten in München, Dresden und Berlin mit einigen impressionistischen Werken von Max Liebermann, aber auch dem unverstandenen Blick Paula Modersohn-Beckers Richtung Paris erläutert. Auf Kinderporträts von Modersohn-Becker, die der malende Ehemann in der Künstlerkolonie Worpswede als "hölzern" und "bizarr" bezeichnete, folgen Ernst Mackes Aufbrüche in die Farbflut und erste expressive Porträts und Landschaften von Ernst Ludwig Kircher, Max Pechstein und Marianne von Werefkin.

Die Sammlerinnen Gabriele und Anna Braglia haben wie Renate und Friedrich Johenning die Werke von Künstlerinnen genauso berücksichtigt, ein sympathischer Zug, der auch im Fall von Gabriele Münter zu Wassily Kandinsky sicher nicht nur den niedrigeren Preisen am Kunstmarkt geschuldet ist. Eigenwilligkeit zeigt sich auch in der Konzentration auf Papierarbeiten, die den Ölbildern oft an Qualität überlegen sein können, wie im Fall von Paul Klee. Mit Klees "Erinnerung an Romanshorn" von 1913 begann die Sammelleidenschaft Gabriele Braglias, bei den Johennings war es ein Blumenbild Noldes "Alpenveilchen und Chrysanthemen", das erst 1952-1955 entstanden ist. Polaritäten im Expressionismus zu suchen ist heute nur möglich, wenn kunsthistorisch die eher unbürgerliche Gruppe der Brücke-Maler gegen die bürgerliche Gruppe des Blauen Reiters gestellt wird, wie dies Kurator Ivan Ristić mit Themenkreisen versucht.

Die an den Moritzburger Seen bei Berlin gegründete Nacktbade-Kolonie der Brücke-Künstler folgte exotischen Träumen Paul Gauguins in Bildern Erich Heckels, Karl Schmidt-Rottluffs und Otto Muellers. Mit Kirchner gründeten sie eine neue Secession gegen Liebermann, danach kamen sie durch Einflüsse von Henri Matisse und die Fauves auf das Thema neuer Paradiese, hier verpflanzt an die Strände Europas.

Nolde brach tatsächlich in die Südsee auf, aber auch nach Russland und China. Schmidt-Rottluffs "Sinnende Frau" bekommt die Züge einer afrikanischen Maske übergestülpt. Das russische Malerpaar Alexej von Jawlensky teilte 1908 die Sommerfrische mit Kandinsky und Münter im oberbayerischen Murnau und das gemeinsame Interesse an flächiger, teils in die Abstraktion aufbrechender Malerei mit Nähe zu religiösen Ideen und zur Chromatik der neuen Musik eines Arnold Schönberg.

Gesichter voller Melodien von Jawlensky waren die Folge, wie die kristallinen Strukturen bei Klee und Lyonel Feininger. Sein "Mann vor hohen Felsen" ist den stark farbigen mystischen Landschaften Werefkins wie "Das Duell" gegenübergestellt, und Klees "Lied von der Reise zu Schiff" hat einen Nachhall in Feiningers "Sommernachmittag". Bleiben noch Heinrich Campendonk und die Skizzen zu den Tiermotiven von Franz Marc zu erwähnen aus einem Reigen, der immer noch Unbekanntes in Sachen deutscher Expressionismus bereithält.