Kopfhörer für alle. Zumindest für die Abgeordneten der republikanischen Partei. Diese absurde Forderung wurde tatsächlich vor ein paar Tagen zu Beginn der öffentlichen Zeugenanhörungen des Absetzungsprozesses gegen Präsident Trump im amerikanischen Kongress gestellt. Unter dem Motto: "Was ich nicht hören kann, kann nicht wahr sein." Mit der Einstellung wollen die Abgeordneten der Republikaner verhindern, dass die Wahrheit im Zuge der Ukraine-Affaire öffentlich wird und sich damit manifestiert. Diese Ränkespiele fügen sich minutiös in das heurige Generalthema der Vienna Art Week: "Making Truth".

Ausstellungsparcours

In einer Ära, in der renommierte, verantwortungsvolle Medien generell als "Fake News" abgestempelt werden, in der wissenschaftliche Erkenntnisse als Unwahrheiten klassifiziert werden, wird die Überschrift quasi auf dem Tablett serviert. Die Kuratorin Angela Stief hat sich für die Vienna Art Week des Themas angenommen. Sie hat sich, wie sie im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" betont, dagegen entschieden, daraus eine Ausstellung in einer Institution zu gestalten. Stief hat einen Ausstellungsparcours mit 14 Kunstpositionen zusammengestellt. Die - teilweise geführten - Präsentationen finden in den Ateliers der Künstler statt und die Besucher sind gefordert, sich den wahrhaftigen Gesamteindruck nach der Tour zu machen.

In der Ausstellung finden sich Positionen zur Gesellschaftspolitik, wie von Lisl Ponger, Anna Jermolaewa oder Klaus Pichler, zu Wissenschaft und Kunst, wie jene von Gerald Nestler/Sylvia Eckermann und Martin Walde, oder die wirkmächtigen Kunstbildwelten zwischen Täuschung und Realität von Lois Renner. Abseits davon, dass das Thema "Making Truth" in den Ateliers unterschiedlich abgehandelt wird, ist es ein unmittelbares Anliegen der Kuratorin, auf die kulturellen Ressourcen der Stadt zurückzugreifen: "Die Stadt dient als idealer Hintergrund für den Ausstellungspfad. Die Besucher müssen sich im städtischen Umfeld weiterbewegen und lernen damit nicht nur neue Räume, die Künstlerateliers, sondern auch neue urbane Nachbarschaften kennen", erläutert Angela Stief einen weiteren Aspekt ihrer Präsentation.

Dieser Ansatz korreliert sehr gut mit einem Anliegen des künstlerischen Leiters der Vienna Art Week, Robert Punkenhofer: Er unterstreicht nachdrücklich das Bestreben der Initiative, diese Produktionsstätten verstärkt in den Fokus zu stellen. "Wir haben heuer zum ersten Mal unsere ‚Wahrheitsbubble‘ verlassen, in der unser Team bestimmt, wer zur Vienna Art Week zugelassen wird und für Künstlerateliers einen ‚Open Call‘ organisiert", erzählt Robert Punkendorfer. Der Aufruf war mit mehr als 300 Einreichungen dermaßen erfolgreich - ". . . er hat bewiesen, welch’ kreatives Potenzial in der Stadt steckt" (Punkendorfer) -, dass letztendlich wieder ein Komitee für die Auswahl einberufen werden musste. Nun besteht für Kunstinteressierte die Möglichkeit, innerhalb einer Woche 150 Ateliers zu besuchen. Für diese Tour de Force sollte idealerweise das kommende Wochenende ins Auge gefasst werden, denn da öffnen alle teilnehmenden Künstler ihre Ateliers. Ob das innerhalb der allgemein angegebenen, eher restriktiven Öffnungszeit von 15 bis 18 Uhr auch nur ansatzweise zu schaffen ist, sei dahingestellt.

Wahrheit, Schwachsinn, Ignoranz

Zusätzlich zu den Ausstellungen und Präsentationen bilden Diskussionen, Performances und Vorträge das Grundgerüst der Vienna Art Week. Hier sei auf die Lecture der Soziologin Eva Illouz verwiesen. Unter dem sprechenden Titel "Truth, Bullshit and Ignorance" beschäftigt sie sich mit Heilsversprechungen und manipulativen Strategien in den sozialen Medien und rechnet mit teilweise perversen Ausformungen ab: mit den "Fake News", mit den gefährlichen Verschwörungstheorien und dem oft mühsamen Hindernislauf auf diesen Plattformen noch die letzten Funken Wahrheit zu entdecken.