Datteln haben echt kein Schamgefühl

Kauen ist Poesie: "Kraft und Stoff" von Thomas Feuerstein. - © Thomas Feuerstein, Courtesy: Galerie Elisabeth & Klaus Thoman
Kauen ist Poesie: "Kraft und Stoff" von Thomas Feuerstein. - © Thomas Feuerstein, Courtesy: Galerie Elisabeth & Klaus Thoman

(cai) Schaut aus wie eine Vagina? Falsch. Das sieht nämlich in Wahrheit aus wie . . . eine Vulva. Wie jede Menge Vulven sogar. Die beiden Begriffe werden eben gern verwechselt. Hier sind jedenfalls die äußeren primären Geschlechtsorgane der Frau gemeint.

Song Jing (aus China, lebt in Wien) hat Hunderte davon fotografiert. Ohne dass sich freilich auch nur eine einzige Frau vor ihr entblößt hat. Okay, Datteln sind ebenfalls weiblich (Dattel, die). Hochaufgelöste Nacktaufnahmen hat sie also gemacht. Von Kernen der Medjoul-Dattel. In ikonischer Strenge schweben diese vor einem neutralen Weiß. Einzeln gerahmt (als Andachtsbilder?) oder gleich als Tapete, als geballte Frauenpower, die im Bildraum 07 aufmarschiert. Sehr intime Arbeiten. Und sehr persönlich. Denn die Künstlerin hat jeden dieser Kerne (und jeder ist einzigartig) im Mund gehabt. "All the wo/men I am" heißt die Serie. Und auf die Seite gedreht, wird aus der abstrahierten Vulva plötzlich eine Figurine à la Venus von Willendorf. Halt in Wien ausgegraben. Oder ausgespuckt. ("Venus von Wien.") He, witzig: Das Wachauer Idol stammt aus der Steinzeit und Datteln sind Steinobst. Ein Bad nehmen die Kerne dann leibhaftig. Zusammen mit Vitamin-D-Kapseln. Kleinode in femininen gläsernen . . . U-Booten? In U-Teri? Yin und Yang in der Wanne. Wo/men eben. Diskrete Erotik. Sinnliche Harmonie.

Mit behutsamen Gesten und auch mit Humor schält Song gekonnt quasi die weibliche Identität aus dem Fruchtfleisch. Und wenn sie ein anonymes Gemälde nachstellt (zwei Badende, die eine fasst der andern geziert an die Brustwarze), hält sie keinen Ring wie den auf dem Originalbild (als Eheversprechen?), sondern ein Mini-Hämmerchen. Ihr Yang? Oder verspricht sie uns subtiles Aufbegehren, also weiterhin dezent "draufzuhauen"?

Bildraum 07

(Burggasse 7 - 9)

Song Jing, bis 5. Dezember

Di. - Fr.: 13 - 18 Uhr

Frag doch den Lenin!

(cai) Der Astronaut reist zu den Sternen, der Aquanaut treibt sich unter Wasser herum, dann müsste der Anthronaut (altgriechisch ánthropos: Mensch) ja eigentlich den Menschen besuchen, oder? Der Thomas Feuerstein, der Kunst und Wissenschaft zu einem sehr komplexen Werk verschmilzt, ist vermutlich einer, ein Anthronaut. Außerdem heißt seine Ausstellung in der Galerie Thoman so.

Wie geht’s mit dem "Mängelwesen Mensch" weiter, will er wissen. "Wie mutieren wir psychisch und vielleicht auch irgendwann physisch?" Warum fragt er das nicht einfach sein Orakel? Weil dieser Leninkopf eh nicht sprechen kann. Nicht einmal in Rätseln. Eine künstliche Intelligenz im Rollstuhl. Oder halt mit Rollstuhlrädern. Sie sieht, hört, hat WLAN . . . und am Ende nickt sie bloß deppert. Selbst die Ironie ist hier also technisch total aufwendig. Prozesse interessieren ihn sowieso, den Feuerstein. Live kann man etwa zuschauen, wie sich ein Zink-U-Boot in einem Elektrolyten laaaaaangsam auflöst und so die Energie für die Schiffsschraube erzeugt. Eine Batterie, die eine Geschichte erzählt. (Der Fortschritt - ein Selbstzerstörungsmechanismus?) Die Vergangenheit ist überhaupt futuristisch. Fossilien werden zu Cyborgs. Der Urvogel Archaeopteryx kriegt sein Upgrade zum "Anthropterix" passenderweise auf einer Lithographieplatte aus Solnhofer Kalkstein. (In dem ist er entdeckt worden.) Die Kohle für seine Zeichnungen von hybriden Ammoniten gewinnt der Künstler, der als Zeichner und Grafiker ebenfalls was draufhat, übrigens selber. Aus Algen. "Dann dauert das nicht 50.000 Jahre oder 100.000, das geht in 24 Stunden."

Überall werden Grenzen überwunden. Zwischen Raum und Zeit - oder Sprache und Materie: ein Gebiss, Bleilettern auf den Zähnen, dazwischengeklemmt ein Kochbuch. Als ob Kochrezepte satt machen würden, Wörter Kalorien hätten. Na ja, aber "wenn wir auf etwas herumkauen, schreiben wir einen molekularen Text". Analysieren wir das Essen. Apokalyptisch: ein blutiges Gebirgsrelief. Okay, das sind nur diese Blutregenalgen. Grünalgen, die bei starker UV-Bestrahlung erröten. Leben die noch? "Vielleicht, wenn man versuchen würde, sie sofort zu retten . . ." He, so ähnlich wie beim Klima.

Galerie Elisabeth & Klaus Thoman

(Seilerstätte 7)

"Anthronaut", bis 7. Dezember

Di. - Fr.: 12 - 18 Uhr

Sa.: 11 - 16 Uhr