Mit siebzehn zeichnete Eva Hesse (1936-1970) bunte Bäume und Blumensträuße, dann folgten Akte, die bereits experimentelle Linien als Körperumrisse aufweisen. Als "Suchbewegungen" beschreibt es Manuela Ammer, die gemeinsam mit Barry Rosen (vom Estate of Eva Hesse) und Andrea Gyorody (vom Allen Memorial Art Museum am Oberlin College) auf der obersten Ebene des Mumok etwa 70 Arbeiten auf Papier gehängt hat. Von ihren abstrakten Bildern, aber auch von vielen Zeichnungen der 1960er Jahre ist das Thema Boxen aufgenommen. In drei aufgeklappte und teils schräg eingebaute Kuben wurden für das Display auch partiell Wandfarben aus den Blättern übernommen: warmes Gelb und Orange.

Ungewöhnlich geordnet und doch dekonstruiert sieht die komponierte Strichführung der Künstlerin aus; eine Hochspannung an Gegensätzen bestimmt das Werk der jung an einem Gehirntumor Verstorbenen bis in ihre Installationen und Skulpturen. Manche Linie ist spiralförmig gedreht, klappt gewohnte Perspektiven auf und wird zusätzlich durch Collagen oder andersfarbigen Kugelschreiber akzentuiert, zusätzlich zeigen Pfeile in verschiedene Richtungen.

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Paraphrasen und Trickfilme

Hesse setzte viele Techniken ein, neben Bleistift, Filzstift, Tinte, Aquarell und Gouache auf Papier. Es lässt sich dabei an Arshile Gorky denken und den amerikanischen Surrealismus, aber auch an Cy Twombly und im Fall eines Aquarells von 1964 an Wassily Kandinskys erstes abstraktes Aquarell 1910. Das mag an Hesses Lehrer Josef Albers liegen, der vom Bauhaus an die Yale School of Art and Architecture kam.

Körperlichkeit und wilder Strich waren für Eva Hesse charakteristisch, aber sie arbeitete auch mit geometrischen Formen. - © The Estate of Eva Hesse. Courtesy Hauser & Wirth
Körperlichkeit und wilder Strich waren für Eva Hesse charakteristisch, aber sie arbeitete auch mit geometrischen Formen. - © The Estate of Eva Hesse. Courtesy Hauser & Wirth

Später war Hesse befreundet mit den berühmten Kollegen der Minimal Art wie Sol LeWitt, Walter de Maria, Robert Smithson oder Donald Judd, doch blieben ihre Studien sehr eigenwillige Paraphrasen auf die Kunstgeschichte, selbständige Überarbeitungen von allen damaligen Richtungen. In von ihr als "verrückt wie Maschinen" beschriebenen "mechanischen Zeichnungen" und geometrischen Collagen kommen spontane, sehr körperlich anmutende, ja sogar Pop nahestehende Details mit zum Zuge. Formen wirken anthropomorph wie bei Roberto Matta und es waren Kinderzeichnungen, die durch ihre Tätigkeit als Kunsterzieherin intensiven Einfluss auf sie hatten. Denn deren Spontaneität und das Vorgeformte, Wilde und Undisziplinierte entsprach ihren Experimenten besonders.

1964/65 war Hesse mit ihrem Mann, dem Bildhauer Tom Doyle, in Kettwig an der Ruhr bei einem Industriellenpaar zum Atelierstipendium eingeladen und sah auf Vermittlung von Werner Nekes auch japanische Trickfilme, nachdem sie ab 1958 auch Fotogramme angefertigt hatte. Die 1938 als Jüdin aus Deutschland geflohene Hesse konnte trotz aller psychischen Spannungen in Kettwig Anregungen durch die Maschinen der Textilfabrik, in der sie ihr Atelier hatten, weiterentwickeln. Die objekthaften Ansätze in den Zeichnungen leiteten in skulpturales Arbeiten über, und so kehrte sie von Deutschland nach New York zurück, um nach genau konzipierten Skizzen bis 1969/70 ihre bekannten Hauptwerke wie "Laocoon" aus Schnüren, Metall, Gips, Fiberglas, Polyester und medizinischen Gummischläuchen zu schaffen.