1995 zählte die Salzburgerin Eva Grubinger, die in Berlin bei Valie Export und Katharina Sieverding studierte, zu den "Coming up" unter den Neuentdeckungen als das Mumok noch sein 20er Haus bespielte. Nun nimmt sie den schwierigen Hauptraum mit einer "kraftvollen Geste" (Stella Rollig) in Beschlag.

"Malady oft the Infinite" zeigt vier Objekte aus glänzendem Kunststoffmaterial, eines weiß, von der Größe genau die Mitte und ein Geschoß in der Höhe einnehmend, schräg in den Raum gestellt - in Form eines Cockpit-Chassis’ einer Superjacht. Fragmentiert liegt das Schiff auf den grauen Fliesen, die somit zur Meeresoberfläche verwandelt werden. Auf dieser schwimmen drei schwarze, ebenso glänzende kleinere runde Objekte mit Stacheln, die Seeminen ähnlich sind. Die gefährliche Fahrt geht in Richtung Schweizer Garten und lässt uns sofort Meeresmythen, aber auch Freizeit oder beinharte Fakten assoziieren.

Mögen muss man diese Objekte nicht, ihre Ambivalenz berühren eher unangenehm, das ist auch das Politische an dieser skulpturalen Arbeit, wie meist in Grubingers Installationen. Aber es ist eine diesen schwierigen Museumsraum beherrschende künstlerische Arbeit, die von Kolonisation und Eroberungssehnsucht über die Boatpeople der 1970er Jahre, die schon von den Künstlern der Arte Povera oder von Wolf Vostell in politische Werke Eingang fanden, bis zu heutigen Fluchtsituationen so gut wie jede Assoziation auslöst.

Macht und Ohnmacht

Das Material und die Form sprechen über die Ungleichheiten in der Gesellschaft und von vielen unerfüllten individuellen Wünschen, die an eine unbefriedigende Grenze stoßen lassen: Grubinger bietet uns keine endgültige Stellungnahme, ob es um Magnat oder Pirat geht, Fischfang oder Menschenhandel und so bleibt zuletzt Macht und Ohnmacht. Hier wirken viele Dinge zusammen.

Grubinger greift gedanklich auf den Soziologen Émile Durkheim zurück, der titelgebend ist mit seiner Zustandsbeschreibung der Moderne um 1900 als einem "Leiden am Unendlichen" für das seit der Aufklärung selbstbestimmte Individuum. Durch die Industrialisierung beherrschte schon damals eine "Anomie" die soziopolitische und psychosoziale Situation. Fehlende und zu schwache Normen störten und stören eine soziale Arbeitsteilung und es kam, ähnlich unserer Zeit des Neoliberalismus, zum verschärften Wettbewerb steigender Prosperitätsgewinne von Waren. Durkheim entlehnte das Wort Anomie aus der Philosophie und führte es in die Soziologie ein, deren Begründer er an Frankreichs Universitäten war.

Ein nicht funktionierendes Luxusobjekt lässt uns also neben diesen geistigen Quellen disparat zurück, auch ohne dieses Wissen sind wir über die Abkehr vom ethischen Verhalten entsetzt, egal ob es die Reichen oder die Mittelschicht in der Krise betrifft bis hin zur Frustration des Prekariats.

Das Kunstwerk als Aktie und Wolfgang Ullrichs "Siegerkunst" wird hier jedoch genauso thematisiert, da Durkheim auch das Fehlen der Bildung beklagte, die, neben fehlender Gleichberechtigung, ein anderer Auslöser von Instabilität ist und in der Folge ein Gefühl des Zustrebens auf einen Abgrund erzeugt - bei Durkheim ist das eine Art Selbsttötung, dieser Aspekt war ja sein zweites großes Spezialgebiet. Vielleicht spricht gerade der Glanz der Oberfläche der Objekte, neben ihrer Form, Platzierung und Dynamik im Raum, von der Angst vor der Zukunft.