Nicht He-Man, sondern Wo-Man

Handkoloriert (in zweifacher Hinsicht): "Susan told me II/13" von Tina Lechner. - © Simon Veres, Courtesy: Galerie Hubert Winter
Handkoloriert (in zweifacher Hinsicht): "Susan told me II/13" von Tina Lechner. - © Simon Veres, Courtesy: Galerie Hubert Winter

(cai) Sauber und diskret sind die Bilder von Albana Ejupi wirklich nicht. Eher roh und blutig. Ja, die 1994 in Pristina geborene Künstlerin, die nun schon zum zweiten Mal Malerei studiert (diesmal in Wien, davor im Kosovo), wühlt auch gern in echtem Sand von einem albanischen Strand, daraus kann man aber sichtlich nicht bloß romantische Sandburgen bauen.

Ihre sehr körperliche Kunst, in der sie Existenzielles wie Liebe, Schmerz, das Alter mit viel Power, Sand und Farbe auf die Leinwand schüttet und blutet und den Grund regelrecht beackert, zeigt sie grad in der Galerie Feichtner. Unter dem Titel "Human condition". Was es bedeutet, ein Mensch zu sein. Oder: eine Frau. Apokalyptisch: "I am a Wo-Man." Schmerzrote Landschaft, ein weiblicher Unterleib, das Geschlecht eine klaffende Wunde. Selbst vom Himmel regnet es Schmerz, blutet die Farbe. Und auf der Erde verschmilzt die eingearbeitete Gaze mit dem haptischen Terrain wie ein Verband mit Blut und Eiter. Unweigerlich hab ich da an ein schwülstiges Barockgedicht denken müssen, an die Schlussverse dieser Lobeshymne des Johann von Besser an die Menstruation: "Man geht, wie iedermann bekandt / Durchs rothe meer in das gelobte land."

Und Gustave Courbets pikantes Intimporträt "Der Ursprung der Welt" wird sowieso immer wieder zitiert. (Nein, kein feministisches Andachtsbild eines fanatischen Anhängers des Matriarchats. Hier spreizt wohl keine Fruchtbarkeitsgöttin willig die Beine.) Nur dass Ejupi die delikate Erotik quasi aus dem weichen Bett geworfen hat. Auf den harten Boden der weiblichen Realität. Überall pure Körper, wie sie leiben und leben, leiden und lieben. Noch ist dieses Werk blutjung und im Reifen. Dass da jemand kraftvolle Bilder malen kann, steht aber bereits jetzt fest.

Lukas Feichtner Galerie

(Seilerstätte 19)

Albana Ejupi, bis 30. November

Di. - Fr.: 10 - 18 Uhr

Sa.: 10 - 16 Uhr

Huhn mit Sichteinschränkung

(cai) Was ist der Unterschied zwischen einem Foto und einer Skulptur? Hm. Neun Finger? Um den Auslöser am Handy anzutippen, benötige ich jedenfalls bloß einen einzigen Finger. Zum Zoomen eventuell noch einen zweiten. Ein Bildhauer hingegen braucht immer gleich beide Hände. Außerdem ist ein Foto flach und eine Skulptur . . . nicht. Deshalb kann man Letztere ja in der Regel von mehr als einer Seite betrachten. (Okay, eine Fotografie kann man sich ebenfalls von hinten anschauen. Sehen wird man halt nix.) Und wenn man die Skulptur nun fotografiert? Ist das Foto trotzdem noch zweidimensional, die Skulptur kann man dann aber auch nur mehr von einer Seite besichtigen.

Tina Lechner (derzeit in der Galerie Hubert Winter) tut ziemlich genau das. "Objekte" ablichten. Allerdings lebende. Und käme dabei definitiv nicht mit einem Finger aus. Schon allein, weil sie die Körper ihrer weiblichen Modelle erst einmal durch bizarre plastische Erweiterungen, Rüstungen und voluminöse Verhüllungen "deformieren" muss, bevor sie ihre auratischen Fotos von diesen fremdartigen Hybriden aus Mensch und geometrisch abstrakter Kunst (oder aus Mensch und "Mode") machen kann. Noch dazu sind sie analog, die Fotos. Und in Schwarzweiß. Neuerdings sogar teils handkoloriert ("geschminkt"). Ist das nicht anachronistisch? In der Ära von Photoshop? Nicht anachronistischer, als im Zeitalter des 3D-Druckers noch mit Hammer und Meißel zu arbeiten.

Die Skulptur wird zum flüchtigen Moment, festgehalten im Bild. Existiert außerhalb davon überhaupt nimmer. "Verlorene Form" einmal anders. Und die unpraktischen Stoffmassen? "Verrückte" Mode? Eigentlich untragbar. Zumindest nicht alltagstauglich, besonders weil die lustvoll verspielten Outfits gegen das Gesichtsverhüllungsverbot verstoßen und nicht einmal über Augenlöcher verfügen. Oder ist da auch ein bissl Humor mit hineingeschneidert? Die Fanny als blindes Hendl sieht auf jeden Fall aus, als hieße sie Funny - mit u. Also lustig. Mit Analogkamera und Pinsel nicht in der digitalen Bilderflut zu ersaufen, ist echt eine Kunst. Eine gute.

Galerie Hubert Winter

(Breite Gasse 17)

Tina Lechner, bis 21. Dezember

Di. - Fr.: 11 - 18 Uhr

Sa.: 11 - 14 Uhr