Es ist nahezu wie in einer Gaunerkomödie, nur weniger elegant, dafür ganz real - und auf Video festgehalten, nämlich auf den von der Polizei veröffentlichten Aufzeichnungen der Überwachungskameras: Zwei Diebe steigen am Morgen um 4.49 Uhr ein, gehen zielsicher auf die Vitrinen zu, schlagen sie mit einer Axt ein, rauben drei Juwelengarnituren, insgesamt, so Dirk Syndram, Direktor des Grünen Gewölbes, rund 100 Teile, und hauen mit der Beute ab. Das Ganze dauert nur ein paar Minuten. Der Sicherheitsdienst reagiert nach Anweisung: Weltweit ist es üblich, dass sich die Mitarbeiter keiner Gefahr aussetzen und die Polizei informieren. Die umgehend verständigte Polizei trifft wenig später am Tatort ein. Sie verfehlt die Täter nur knapp. In der Folge verlieren sich, trotz Großaufgebots, die Spuren.

So geschehen im Grünen Gewölbe des Residenzschlosses in der Dresdner Altstadt am frühen Morgen des 25. November.

Der Stand am Tag danach: Die Polizei tappt im Dunkeln. Die zentrale Frage, wer die Einbrecher sind, ist ebenso unbeantwortet wie die, ob die beiden Täter Komplizen hatten.

Ermittlungen in der Sackgasse

Der ausgebrannte Audi, der in einer Tiefgarage gefunden wurde, scheint mittlerweile als erstes und schnell beseitigtes Fluchtfahrzeug festzustehen. Ob der Brand des Elektroverteilers, der um 5 Uhr gemeldet wurde, in direktem Zusammenhang mit dem Einbruch steht, ist jedoch fraglich: Zwar löschte der Stromausfall die Straßenbeleuchtung rund um das Schloss, nicht aber dessen Stromversorgung.

Mittlerweile hat die Polizei die Sonderkommission "Epaulette" auf 20 Beamte verdoppelt.

Eine andere zentrale Frage ist, was die Täter mit ihrer Beute anfangen können. Viele der Preziosen, etwa ein mit mehr als 770 Diamanten besetzter Degen oder der Bruststern des polnischen Weißen-Adler-Ordens, sind zu bekannt, um jemals auf dem Kunstmarkt verkäuflich zu sein. Damit sind die Objekte für die Diebe praktisch wertlos, es sei denn, sie streben eine besondere Form der Erpressung an: Rückgabe gegen eine hohe Geldforderung, andernfalls würden sie die Kunstgegenstände zerstören. Dieses Artnapping ist Österreichern nur zu gut bekannt: Der Diebstahls der Saliera aus dem Kunsthistorischen Museum (2003) war ein solcher Fall.

Mittlerweile zeigte sich Marion Ackermann, Generaldirektorin Staatliche Kunstsammlungen Dresden, zwar erleichtert, dass die betroffenen Garnituren nicht komplett entwendet wurden und "zum Glück doch eine ganze Menge Objekte noch da sind". Andererseits besteht der größte Wert der Sammlung in der Geschlossenheit des Ensembles, das, so Ackermann, den Staatsschatz des 18. Jahrhunderts darstellen würde. Der Materialwert jedes Objektes für sich allein sei geringer als gemeinhin vermutet. Eine tatsächliche Schadenshöhe kann freilich vorerst noch nicht angesetzt werden. Eine Versicherung gibt es nicht. Für die Schäden haftet der Freistaat Sachsen.

Die geplünderte Schatzkammer ließ Sachsens Kurfürst August der Starke zwischen 1723 und 1730 anlegen. Heute befindet sich der historische Teil im Erdgeschoß. Eine Etage weiter oben zeigt das Grüne Gewölbe, das, nach den Zerstörungen durch das Bombardement im Jahr 1945, authentisch restauriert wurde, besondere Einzelstücke.

Nach dem Einbruch kann das Residenzschloss eventuell am 27. November wieder geöffnet werden. Das Grüne Gewölbe freilich bleibt auf unbestimmte Zeit gesperrt.

Dresden ist nicht zum ersten Mal der Schauplatz eines spektakulären Coups: Im Jahr 1977, also noch zu DDR-Zeiten, wurde der Sophienschatz aus dem Stadtmuseum gestohlen. Teile davon sind bis heute verschollen.

Zu den mittlerweile immer lauter werdenden Stimmen, das Schloss sei unzureichend gesichert gewesen, sagte der Präsident des Deutschen Museumsbundes, Eckart Köhne: "Wir sind eben kein Banksafe. Und das bringt ein gewisses Risiko mit sich." Zumal: "In Dresden ist der Einbruch ja sofort bemerkt worden, ist auf Video aufgezeichnet worden. Die Sicherheitsmaßnahmen haben also schon gegriffen. Wenn genug Brutalität und kriminelle Energie vorhanden sind, kommt es eben zu solchen Fällen."