Faltige Quadrate

(cai) Bilder sind in der Regel eckig. Viereckig. Die vom Sébastien de Ganay zwar auch, nur sieht man es denen nicht immer gleich an. Weil die vier Ecken halt meistens nicht dort sind, wo man sie erwarten würde: in den Ecken. Na ja, ein Origami-Kranich lässt es sich doch ebenfalls nicht anmerken, dass er einmal ein Quadrat gewesen ist.

Nicht, dass der Franzose, der in Niederösterreich lebt, Kraniche falten würde. Seine Faltkunst ist eher abstrakt. Außerdem besteht sein "Papier" aus Aluminium. Und grad in ihrer irritierenden Unbestimmtheit liegt die Faszination, die diese minimalistischen Arbeiten (irgendwas zwischen flachem Tafelbild und Objekt) auf einen ausüben. Und was ihre Farbe betrifft, da legen sie sich genauso wenig fest. Wechseln diese je nach Blickwinkel, schillern betörend blau, grün, violett. Und wenn der Künstler einen Sessel, den er aus einer Faltschachtel entwickelt hat, wieder ent-faltet und an die Wand klatscht? Tarnt sich dann die angewandte als "reine" Kunst?

Die Ausstellung in der Galerie Steinek ("Criss Cross") muss de Ganay freilich nicht ganz allein bestreiten. Raffaella della Olga tritt mit ihm in einen künstlerischen Dialog. Über Reduktion, Konzentration, Variation, Raum. (Und sinnliche Oberflächen.) Schneidet mit chirurgischer Präzision fleißig Karos aus karierten Stoffen raus. Und wirft die "operierten" Muster über Leuchtstoffröhren. Tote tragen vielleicht keine Karos, aber diese kaputten Lampen tun es. Dezent "op-artig". Okay, was die Italienerin mit der Schreibmaschine anstellt (und mit Alufolie, Kohlepapier, Bügeleisen), das ist aufregender. Dichten? Ver-dichten! Zeichen zu Mustern. Unglaubliche Strukturen. Zum Durchblättern, nämlich in Buchform. Was? Do not touch? Und wie erfahr ich jetzt, wie dieses Musterbüchl ausgeht?

Menschen sind auch nur Vögel

(cai) Nach dem Paul Flora kann man wirklich den Kalender stellen. Sogar noch zehn Jahre nach dem Tod des wahren Herrn der Raben. (Der Odin hatte ja bloß mickrige zwei gefiederte beste Freunde: den Hugin und den Munin.) Sobald seine buntstiftkolorierten Zeichnungen und Radierungen beim Gerersdorfer hängen, ist jedenfalls einen Monat später Weihnachten.

Nennt man die Fans seiner pointierten Strichkunst, wo sich die Schraffuren gern fulminant zum düsteren Notturno verdichten, eigentlich Floristen? Selber war der Tiroler, der sich kreuz und quer durchs wilde Absurdistan gezeichnet hat, allerdings mehr ein Faunatiker. Oder Ornithologe? Soooo viele Vögel überall. Schwarze, bunte und schräge. Balanciert dieser Harlekin da ein komplettes Hendl auf den Zehen? Unsereins hat ja bestenfalls ein Hühnerauge. Und wie sich die Schnäbel von einem unscheinbaren Piepmatz und einem prächtigen Paradiesvogel scheu näherkommen, hm, das erinnert mich an irgendwas. He, an zwei Finger in der Sixtinischen Kapelle! Jö, Huhn und Ei streiten sich ums Erstgeburtsrecht. Lauter skurrile Beziehungsgeschichten. Voller Humor und Leidenschaft. Und Venedig? Dort sind Katzen und Pestdoktoren noch unter sich, nicht unter Wasser. (Das sind Federzeichnungen, hallo? Keine Aquarelle.) Alle Jahre wieder eine Freude. Und weil der Flora nicht nur was für den Advent ist, ist sein Kalender (28 Euro) gleich ein ganzes Jahr gültig. Nach Weihnachten ist eh vor Weihnachten.