Die persönliche mit der kollektiven Erinnerung in Einklang zu bringen, ist eine der Herausforderungen in der Kunst nach dem "performativen Turn" geblieben. Doch kaum jemand gelingt es wie Carola Dertnig, dies als stimmiges Konzept in einen der neuen Räume der Landesgalerie einzubauen. Die unterste Halle mit Bogenöffnungen nach draußen schafft ein Maximum an Unruhe, was es erst einmal zu beachten und zu übertönen gilt. Vorbeifahrende Fahrzeuge können eine Kontinuität des Verkehrs wie er seit Urzeiten durch den nahen Donaufluss bis zum Schwarzen Meer existierte, mit interpretieren.

Zudem nutzt Dertnig die unter dem Bau 2016/17 gefundenen archäologischen Artefakte eines mittelalterlichen Hafens - im Original 25 Pfosten aus Laub- und Nadelholz, die dem Hafenbecken als Befestigung dienten. Weitere Ausgrabungsobjekte wie eine Vase, eine römische Münze, Bootshaken, Messer und Klammern hat die Künstlerin in Gips nachgebildet. Ein Hauptmaterial für Arte Memoria in Form von Masken und Kopien, die auch einen musealen wie didaktischen Impetus spiegeln.

Beständige Beweglichkeit

Dem kulturellen Feld aus Fundstücken stellt Dertnig ihre persönliche Arbeitsweise gegenüber: Neben einem Video sind das vor allem ihre bekannten Skulpturen aus Kupferrohr, die vor Ort handgebogen, nach der Formung beschichtet wurden und zur Gruppe "Feldenkreis_F1_002" hier locker als Trio angeordnet sind. Diese Skulpturen-Serie in Referenz auf das Bauhausjubiläum verlangt beständige Beweglichkeit - auch im Denken des betrachtenden Publikums. Dazu passen die "Uferzeichen 0 - 9". Ziffern in Email auf Aluminium, sie gehören zur Vermessung des Donaulaufs von der Mündung zur Quelle. Die Dinge auch verkehrt im Fluss zu halten, nicht nur nach linearer Logik, entspricht die Ambivalenz von Wertvollem und wertloser Kopie, die trotzdem zum künstlerischen Fetischobjekt aufsteigen kann. Ein Faktor voll subtilem Humor gegenüber der Wichtigkeit des "Originals".

Weitere Spuren sind durch die Situierung des Videos in Wien und Einbezug ihres privaten Gartens donauabwärts in Kritzendorf gelegt. Mit einer großen Wandarbeit der Künstlerin auf Leinwand trägt sie den Betrachter gedanklich weiter in "The room has the size of my garden" aus Pinselzügen in Acrylfarbe, gezogen in Referenz auf körperliche Bewegungen beim täglichen Yoga am Uferrasen oder den Wasserwellen in Linien folgend. Verweise auf die Pionierin der Videoperformance Joan Jonas aus New York, die auf der Documenta 11, 2002 "Lines in the sand" als performative Installation präsentierte, aber auch das "Ohrwurm"-Musikstück "Love is in the air" von Paul Young 1977, dienen als Außen-Interventionen.

Der im Hafen gefundene Mühlstein in zwei Teilen wurde von Dertnig in Papiermaché nachgeformt und dient drei jungen Performerinnen im Video "Donauspuren, digitale Weite und andere Dinge" als ihren Kopf verdeckende Masken oder Schamanenhüte. Zufall in Blind-Bewegungen der Akteurinnen zwischen den Funden, Dertnigs Feldenkreisskulpturen und Wiens Donaucity in typischer Millenniums-Architektur werden ergänzt durch ihr Zeichnen am Boden und Entschwinden per Boot. Komplex und doch konzentriert auf den Ort und die feministischen Seiten der "Spurensuche" als künstlerische Methode seit Walter de Maria oder Robert Smithson.