Hungriger Pudding

Die Linie bringt’s auf den Punkt. Nämlich in Rudolf Rays "Tichitschuan" (1972). - © Rudolf Ray Estate, Courtesy: Suppan Fine Arts
Die Linie bringt’s auf den Punkt. Nämlich in Rudolf Rays "Tichitschuan" (1972). - © Rudolf Ray Estate, Courtesy: Suppan Fine Arts

isst Frau

(cai) "Neverafter" - klingt ja nicht nach Happy End, dieser Ausstellungstitel. Eher nach: "Und wenn sie nicht gestorben sind, dann sind sie noch heute unglücklich und unzufrieden." Aber gehen Märchen nicht immer gut aus? (Okay, nicht für die Stiefmütter und -schwestern, die Knusperhexen und die Rumpelstilzchen.) Catharina Bond und Kenji Lim erzählen in der Galerie Reinthaler eben keine Gutenachtgeschichten. (Als ob man von Grimms Märchen keine Albträume kriegen würde.)

Schockierend fleischlich sind die befremdlichen Objekte von Catharina Bond, wo extrawurschtfarbenes Silikon über den Alltag hereinbricht. Die heile Welt zum Abstauben (Nippeskitsch) versinkt darin, der Kopf einer Keramikdame wird von einem "Pudding" gefressen und die Gehhilfe mutiert zu einer Behinderung, einem Klotz zum Mitschleppen. Vorwärtskommen soll man damit offenbar eh nicht: "Stay" (bleib). Und vor dem "Leberkäse" auf Rollen zum Nachziehen (ein verwunschener Hund?) grausen sich nicht nur die Vegetarier. Abbusseln werde ich den sicher nicht. Schon wenn man ihn streichelt (iiii, pickig!), will man sich nachher die Hände waschen. Herrlich surreal und bös. Die Antwort auf eine verstörende Welt, die ja auch nicht immer einen Sinn ergibt? Diese Kunst löst wenigstens noch etwas aus. (Ekel.) Mit den lachenden Dritten von der Oma der Künstlerin hab ich trotzdem nicht mitlachen können.

Kenji Lim erzeugt das Unbehagen etwas subtiler. In seinen düsteren Bildern lässt er die quasi einzeln gepflanzten Pinselstriche zu einer unheimlichen Stimmung förmlich zusammenwachsen. Wie Grashalme zu einer Wiese. Nacht, Wald, einsame Hütte. Das unbestimmte Gefühl der Angst und das bestimmte Gefühl des Ekels sind ein beklemmend gutes Team.

Galerie Reinthaler

(Gumpendorfer Straße 53) "Neverafter", bis 21. Dezember Di. - Fr.: 14 - 18 Uhr

Sa.: 12 - 15 Uhr

Die Fülle

der Leere

(cai) Rudolf Ray? Noch nie was von dem gehört. Auch Wikipedia weiß nicht grad viel über ihn. Und das noch dazu nur auf Englisch. Bei Suppan Fine Arts hat man jetzt aber eh die Gelegenheit, sich an den Exilösterreicher wieder zu erinnern oder sein doppelt vielschichtiges Werk (komplex und jede Menge Schichten) überhaupt erst kennenzulernen.

Ein "Maler zwischen Welten" (so der Untertitel der druckfrischen Monografie) war er schon allein geografisch. 1891 in Lettland geboren (als Rudolf Rapaport, 1934 benannte er sich in Ray um - als Reaktion auf den zunehmenden Antisemitismus), dann Wien, 1938 nach Frankreich emigriert und schließlich 1942 in die USA. (Auf dem Schiff hat er übrigens Marcel Duchamp getroffen, der ihn in New York mit Peggy Guggenheim zusammenbrachte.) Indien, Mexiko. Gestorben ist er 1984 in London. Und obendrein bewegte er sich zwischen dem Greifbaren und Spirituellen, hat er auf der Suche nach einer inneren Wirklichkeit und nach Transzendenz ("Kunst ist Religion") zu einer Art abstraktem Realismus gefunden. Für Kokoschka war er ein "reiner Expressionist", ein amerikanischer Kritiker steckte ihn mit dem abstrakten Expressionisten Jackson Pollock in einen Satz. "Bildhauer" war er außerdem. Hat mit dem Hammer aufs Gemalte draufgeschlagen.

In Rays "Zwischenwelt" kann sich der Besucher der reichhaltigen Retrospektive nun kontemplativ versenken, zuschauen, wie sich die Form in schwungvolle Linien auflöst. Hatten die frühen "psychologischen Porträts" noch Gesichter, sind die Personen später quasi auf ihre abstrakte Essenz reduziert. Rätselhafte "Zeichen" überall. Und weniger ist mehr. Oder eigentlich umgekehrt: Je mehr Schichten, desto weniger ist am Ende auf dem Bild drauf. Der weite Weg vor dem Ziel lässt sich bloß erahnen. Beim Porträt des Zen-Meisters Suzuki legt Ray ihn freilich in acht Einzelbildern zurück. Bis zum "transzendentalen" Farbnebel. Das eindrucksvollste Opus ist aber wohl eins seiner letzten. Eine Szene aus der Seelenlandschaft. Quicklebendig schwirrt die Linie in duftigen Gefilden herum. Da war er 88!

Suppan Fine Arts

(Palais Coburg, Seilerstätte 3C)

Rudolf Ray, bis 21. Dezember

Di. - Fr.: 14 - 18 Uhr

Sa.: 11 - 14 Uhr