Von einem Dornröschenschlaf zu sprechen, wäre übertrieben. Rund 250.000 Besucher strömten im Vorjahr in die Schatzkammer der Wiener Hofburg, das Gros davon Touristen, sagt Direktor Fritz Fischer. Ganz glücklich wirkt er trotzdem nicht beim Rundgang mit der "Wiener Zeitung". Für einen Moment bleibt er am Fenster im Foyer stehen, blickt nach draußen in den stillen Schweizerhof, an dessen Tor sich in weiter Ferne die Menschenmassen vorbeischieben. "Da gehen tausende Touristen und sehen uns nicht", sagt Fischer.

Tatsächlich ist in der Schatzkammer kaum mit Laufkundschaft zu rechnen. Wer sie besucht, hat entweder einen Wien-Führer in der Hand oder eine Schulklasse im Schlepptau. Nur ein schmales Schild vor der Tür verrät, dass sich hier der Eingang zum Hort des Habsburger Schatzes auftut - historisch betrachtet zwar im alten Burgzentrum, doch "heute sind wir hier isoliert", sagt Fischer.

Innovationsfrei seit 33 Jahren

Es ist dies aber nur ein Problem der Schatzkammer, die vom Kunsthistorischen Museum (KHM) betreut wird. Seit langem sehnt sich das Haus nach einem Update für sein Inneres; 33 Jahre sind seit dem letzten vergangen. KHM-Chef Hermann Fillitz hat die Fläche damals um 1000 Quadratmeter erweitert, die Sammlung neu aufstellen und Treppen sowie einen Lift einbauen lassen. Löbliche Maßnahmen - doch sie entsprechen dem State of the Art von 2019 nicht mehr. Sabine Haag, heute KHM-Direktorin, ist sich dessen bewusst. Sie hat schon lange Reformpläne bereitliegen, die auch die Habsburger Güter betreffen - vermochte sie bisher aber nicht umzusetzen.

Das könnte sich womöglich ändern. Sollte Haag demnächst eine Vertragsverlängerung erhalten (was als nicht unwahrscheinlich gilt), wird sie ihre Ziele wohl gestärkt weiterverfolgen. Zudem steht eine Machbarkeitsstudie, beauftragt vom KHM, vor dem Abschluss und liefert den Reformern Rückenwind. Laut Fischer bekräftigt das Papier, dass sich im denkmalgeschützten Rahmen einiges optimieren lässt.

Dass Verbesserungsbedarf besteht, ist beim Betreten der Räume jedenfalls augenscheinlich. Das Reichsschwert, der Reichsapfel, das Szepter, die Kaiserkrone - sie alle liegen im Dämmerlicht. Der Hauptgrund dafür ist eine Obergrenze: Mehr als 50 Lux dürfen den heiklen, historischen Stoffen der Schatzkammer nicht zugemutet werden. Dennoch könnte es hier deutlich heller aussehen, würden moderne Lampen (mit wesentlich besserer Lichtausbeute) eingesetzt.

"Kein Stein auf dem anderen"

Fischer juckt es vor allem in den Fingern, die Dauerausstellung neu zu sortieren. "Man muss sie chronologisch erzählen und mit einem roten Faden", sagt er. Derzeit sieht Fischer weder das eine noch das andere so recht. Beispiel: die Paramente der Ritter vom Goldenen Vlies - also die schmückenden Stoffe für die Messen des Ordens. 1420 in zehnjähriger Handarbeit vollendet, sind sie atemberaubende Prachtexemplare einer Textilkunst von malerischer Qualität. Warum sie die Ausstellung abschließen, erklärt sich allerdings nicht.

Sollte Fischers Team grünes Licht erhalten, würde fast "kein Stein auf dem anderen" bleiben. Die Technik würde erneuert, der Haupteingang verlegt, die Sammlung neu geordnet. Ein Eröffnungskapitel soll dann dem Heiligen Römischen Reich gelten und verstärkt Europabezüge vermitteln, ein zweiter Abschnitt vom Aufstieg und Fall des Hauses Habsburg erzählen. Zentrale Stücke wie die (angebliche) Heilige Lanze oder jener Smaragd, der mit 2680 Karat als größter seiner Art gilt, kämen in diesem Kontext deutlich sinnvoller zur Geltung, findet Fischer.

Nur die Pläne für das dritte Kapitel sind noch nicht ganz ausgereift. Sie betreffen jenen Teil des Museums, der sich nicht leicht ummodeln lässt: die geistliche Schatzkammer. Ein merkwürdiges Mischprodukt, geschichtlich betrachtet: Die Kästen hier hat Maria Theresia für weltliche Güter anlegen lassen; Fillitz drapierte darin dann die religiösen Habsburger-Schätze (darunter auch ein angeblicher Petrus-Zahn). "Das ist gewissermaßen das Grüne Gewölbe von Wien, ja sogar authentischer", sagt Fischer: Immerhin handelt es sich bei der bestohlenen Dresdner Schatzkammer um eine Rekonstruktion.

Apropos Dresden: Könnte sich ein ähnlicher Millionenraub in Wien wiederholen? "Wir haben gute Alarmanlagen", versichert der Direktor. Außerdem käme dem Wiener Museum jener Umstand zugute, der ihm besuchertechnisch Probleme bereitet: "Dass die Wiener Schatzkammer eben nicht an der Außenhaut des Gebäudes liegt wie in Dresden, sondern im Inneren, wie ein Safe."