Wien und Thonet, eine seit vier Jahrzehnten fast sentimentale Geschichte, die nun auf die Gründung der Firma Michael Thonets vor 200 Jahren zurückblickt. Das für uns typische Ausstattungsstück der Kaffeehäuser war lange der Sessel mit der Nummer 14 in den Herstellungsvariationen. Dieser wurde 50 Millionen Mal verkauft und schon in der Zeit der Monarchie schaffte das Unternehmen den weltweiten Vertrieb, so 1876 bis Philadelphia, doch besonders beliebt war das gebogene Holz in Südamerika. Von 1856 bis 1868 hielt Thonet ein Patent auf seine Fertigungstechnik, die letztlich auf Wagenräderproduktion davor zurückgeht. Die Möbel wurden industriell gefertigt und auch der Vertrieb von Einzelteilen in Kisten war billig per Schiff oder Eisenbahn transportierbar. Die große Erfolgsgeschichte spornte ab 1870 Firmen an, zu kopieren und Konkurrenzprodukte auf den Markt zu bringen, unter diesen bot Kohn bald die anspruchsvolleren Varianten als Thonet, die dann um und nach 1900 vor allem die berühmten Architekten Adolf Loos und Josef Hoffmann zu begeisterten Beiträgen anregten. Wegen hoher Ansprüche ging Kohn schon 1910 in Konkurs und wurde von der Mundus Holding übernommen, die schließlich 1924 auch die bis dahin erfolgreiche Firma Thonet "schluckte".

Parkett für Palais

Elegante Kurven: Sessel von Josef Hoffmann, 1910. - © MAK/Murrell
Elegante Kurven: Sessel von Josef Hoffmann, 1910. - © MAK/Murrell

Ein mäanderndes Podest von Claudia Cavallar und Lukas Lederer für die 240 Sitzmöbel zieht sich durch die Ausstellungshalle des MAK. Da kann fast eine Thonetitis auftreten, wären nicht auch die metallenen Vorbilder von Architekt Karl Friedrich Schinkel bis hin zu den Stahlrohrmöbeln des Bauhauses mit dabei, so wie fast jedes erfolgreiche Sitzmöbel aus dem 19. und 20. Jahrhundert, sogar asiatische Rohrmöbelexoten anonymer Hersteller, die alle formalen oder typologischen Vergleichen dienen. Kurator Sebastian Hackenschmidt hat sich für das Riesenunterfangen den Experten Wolfgang Thillmann aus Deutschland geholt, der als Thonetologe bezeichnet wird, was beiden alle angesuchten Leihgaben, auch den frühen Beispielen aus dem Palais Liechtenstein, und aus den heute noch tätigen drei Folgefirmen einbrachten. Michael Thonet arbeitete ab etwa 1850 in Wien, nachdem er aus Boppard am Rhein kam, für die Aristokratie - es waren nicht nur Möbel, sondern vor allem Parkettböden für barocke Palais, die er aus ähnlich gebogenem Holz konzipierte und auch dafür ein Patent bekam. Selbst zwei dieser Beispiele (neben den Liechtensteins auch für die Schwarzenbergs) sind als quadratische Reliefs an der Wand präsentiert.

Poetisches Sesselballett

Nichts auslassen heißt auch ein wenig verwirren, selbst wenn der Direktor die Fülle als poetisches Sesselballett anpreist. Erst mit Lesen der Themengruppen erschließt sich die teils weit bis in die Gegenwart führende Erfolgsgeschichte von "Bugholz. Vielschichtig. Thonet und das moderne Möbeldesign", wie die Schau betitelt ist. Es beginnt zwar nicht mit Beispielen aus dem Schatz des Tutanchamun, aber mit metallenen Gartenmöbelvorbildern nach 1820, gefolgt von all den im Historismus nicht hochgeschätzten, weil viel zu wenig verschnörkelten Beispielen, erst nach dem Jugendstil zog die industrielle Reform. Für heutigen Geschmack haben sie Schlangenformen genug an den Lehnen.

Ab 1960 schätzen gelernt

Das MAK wurde 1872 mit Möbeln der Firma Thonet ausgestattet, das waren noch keine Sammelstücke, sondern die günstige Einrichtung der Büros; davon sind noch zehn Stück erhalten, die eigentlichen Museumsexponate folgten später, denn wirklich schätzen gelernt hat man Thonets Bugholzmöbel erst ab 1960, und trotzdem ist der größte Bestand hier im MAK zu finden. Als nur einmal möglich, weil von den Sitzmöbeln her komplette Ausstellung, mit all den Nachahmern und Konkurrenten bis heute, bezeichnen die beiden Kuratoren ihr Unterfangen, das aus einem Forschungsprojekt seit 2012 hervorgegangen ist.

Ergänzend zu Klassikern wie Marcel Breuer, Otto Wagner oder Margarete Schütte-Lihotzky sind natürlich auch Schaukelstühle, Liegen, Tische und Garderobenständer zu finden, dazu Bugholz-Kommentare der Gegenwartskunst wie Birgit Jürgenssens "Schuhsessel" oder von Bruno Gironcoli und Markus Wilfling, daneben Hermann Czechs ausrangierter MAK-Restaurant-Stuhl.